Klasnic: Eignung zum Priester besser prüfen

Die Aufarbeitung der Fälle (sexueller) Gewalt gegen Kinder und Jugendliche wird die Kirche noch jahrelang beschäftigen: 837 Opfer (sexueller) Gewalt, bisher 192 Entschädigungszahlungen entschieden.

(c) Michaela Bruckberger

Wien/Red./Apa. Die psychische Eignung für den Dienst in der Seelsorger, egal, ob als Priester oder beispielsweise Pastoralassistent, müsse künftig verstärkt geprüft werden. Diese Forderung hat der Jugendpsychiater Werner Leixnering am Mittwoch erhoben. Anlass seiner Wortmeldung war die Präsentation der Jahresbilanz der Kommission für Opfer von Missbrauch, die die frühere steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic leitet.

Das Thema Eignung und Ausbildung der Seelsorger wird sich auch in den Empfehlungen der Kommission finden, die sie an Österreichs Bischöfe richten wird. Ziel: Prävention und adäquate Reaktion auf Fälle sexuellen Missbrauchs durch Mitarbeiter der katholischen Kirche.

Die Aufarbeitung der Fälle (sexueller) Gewalt gegen Kinder und Jugendliche wird die Kirche jedenfalls noch jahrelang beschäftigen. Ein Jahr nach der Einsetzung der Kommission durch Kardinal Christoph Schönborn zog Klasnic eine erste Bilanz: Von 909 Meldungen wurden 837 Personen nach (kurzer) Prüfung der Plausibilität als Betroffene von Missbrauch im kirchlichen Bereich anerkannt.

199 Beschlüsse hat die Kommission bisher gefasst, davon ergingen in 192 Fällen Entschädigungszahlungen an die Opfer, sieben Fälle wurden aus unterschiedlichsten Gründen abgelehnt. Etwa drei Viertel von den 837 registrierten Betroffenen waren Männer, wie aus dem Bericht der Opferschutzkommission hervorgeht. Die meisten Fälle, also knapp 20 Prozent, sind in Oberösterreich zu verzeichnen gewesen, gefolgt von Wien und Tirol. Gegen fünf kirchliche Einrichtungen sind außerdem Sachverhaltsdarstellungen an die Staatsanwaltschaft ergangen.

Klasnic sprach nach einem Jahr Opferschutzanwaltschaft von einer „vorbildhaften“ Einrichtung. Man werde aber zumindest noch einige Jahre brauchen, bis alle Fälle abgearbeitet sind. Zudem werde es künftig wissenschaftliche Begleitforschung sowie eine Evaluierung der Arbeit geben, kündigte die Vorsitzende an. Klasnic: „Es geht auch um die Strukturen, die Missbrauch und Gewalt zugelassen haben.“ Auch eine Selbsthilfegruppe von Betroffenen werde man begleiten.

 

„Abgrund von Scheußlichkeiten“

Wir führen keine Gerichtsverfahren, sondern prüfen die Anliegen der Opfer auf ihre Plausibilität, stellte Caroline List, Richterin und Kommissionsmitglied, klar. Auch der Publizist Hubert Feichtlbauer betonte den Grundsatz, im Zweifelsfall für das Opfer zu sprechen. Die Tatsache, dass der Staat der katholischen Kirche nicht vorschreiben könne, wie viel diese zu zahlen habe, spreche für die Unabhängigkeit der Kommission. Feichtlbauers Resümee: Man blicke bei Betrachtung der Fälle in einen „Abgrund von Scheußlichkeiten“.

Der Wunsch nach einer staatlichen Koordinierungsstelle wurde auch bei dieser Pressekonferenz erneut laut. Der frühere Wiener Stadtschulratspräsident Kurt Scholz berichtete, dass man bezüglich nicht kirchlicher Fälle bereits in Gesprächen mit dem Bildungsministerium und der Volksanwaltschaft sei: „Es kann nicht sein, dass jemand, der als Ministrant missbraucht wurde, entschädigt wird, und im Sportverein daneben zuckt man mit den Achseln.“

Ähnlich äußerte sich der Psychiater Reinhard Haller in einem schriftlichen Statement, in dem er darauf hinwies, dass sexueller Missbrauch nicht nur in der katholischen Kirche stattfinde.

Unabhängig von der Klasnic-Kommission liegen ungefähr 200 Fälle von Missbrauch bei Anwälten, die in der Vergangenheit mit Klagen gedroht haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2011)

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