Atib-Chef: „Wir sind kein Integrationsverein“

Seyfi Bozkus, Vorsitzender der größten türkischen Vereinigung Österreichs, will die österreichische Politik bei der Integration stärker in die Pflicht nehmen, warnt dabei aber vor jeglichem Zwang.

Atib Bozkus
Atib Bozkus
Atib-Chef Seyfi Bozkus – (c) APA/GEORG HOCHMUTH (Georg Hochmuth)

Die Presse: Immer wieder wird der Vorwurf laut, dass die Türkei über Vereine wie Atib Einfluss auf österreichische Angelegenheiten ausübt.

Seyfi Bozkus: Ich bin vom Präsidium für religiöse Angelegenheiten als religiöser Beamter, als Theologe angestellt. Als religiöses Amt arbeiten wir unabhängig von der Politik. In der Türkei, in Österreich und in anderen Ländern.


In der Türkei ist Religion quasi staatlich geregelt. Ein eigenes Amt für Religion gibt es in keinem anderen Land.

Von außen kann man das so sehen. Aber von innen kann ich sagen, dass unser Präsidium unabhängig von der Politik arbeitet. Auch, wenn es innerhalb eines staatlichen Ministeriums ist.


Atib schickt in der Türkei ausgebildete Imame nach Österreich und holt sie nach fünf Jahren wieder zurück. Das klingt nicht integrationsfördernd.

Wir müssen Integrationsprobleme und Religion unterscheiden. Atib ist nicht in erster Linie ein Integrationsverein, sondern ein religiöser Verein. Aber wir unterstützen jede Integrationsbemühung. Was die Imame angeht, ja, die kommen aus der Türkei. Könnten sie in Österreich ausgebildet werden, müssten wir keine aus der Türkei holen.


Wenn ein Imam sich in Österreich nicht auskennt, ist das für die Integration wohl nicht förderlich.

Das ist Interpretationssache. Aber ich bin mir sicher, dass alle Predigtthemen die Integrationsbemühungen fördern. Es gibt kein einziges Beispiel, dass unsere Imame etwas gegen Integrationsbemühungen sagen. Wir legen großen Wert auf die Beachtung der gesellschaftlichen und der verfassungsrechtlichen Regeln.


Die Predigten werden auf Türkisch gehalten. Warum nicht auf Deutsch?


Prinzipiell bin ich nicht dagegen. Aber die deutsche Sprache allein macht Integration nicht aus. Die dritte und vierte Generation spricht gut Deutsch und hat trotzdem Integrationsprobleme. Und die erste und zweite Generation versteht Predigten auf Deutsch noch nicht. Wenn diese Menschen etwas auf Deutsch nicht genauso verstehen können, wäre es ja unsinnig, auf Deutsch zu predigen.


Für die Jüngeren, die in Österreich aufgewachsen sind, wäre es sinnvoll.

Wenn nach zehn oder zwanzig Jahren alle Mitglieder der Moschee Deutsch sprechen können, dann wäre es unsinnig, nicht auf Deutsch zu predigen.


Momentan gibt es ja nicht einmal eine deutsche Version der Atib-Homepage.

Wir wollen die derzeitige Version nicht aktualisieren. Unsere Mitarbeiter machen gerade eine neue Homepage auf Türkisch und Deutsch, vielleicht auch noch auf Arabisch und in anderen Sprachen.


Man hat den Eindruck, dass Atib sehr zögerlich mit der Öffentlichkeit und Medien umgeht.

Als ich nach Österreich gekommen bin, habe ich bemerkt, dass wir in der Öffentlichkeit nicht gut bekannt sind. Wir haben keine Beziehungsarbeit, keine Presseabteilung. Darum versuche ich, eine neue Abteilung für die Kommunikation mit der Presse, der Politik und den Behörden zu gründen.


Atib war vor allem wegen Moscheebauten in den Schlagzeilen. Verstehen Sie, dass Menschen Ängste haben?

Wir versuchen, solche Ängste zu verstehen. Aber ich habe bisher keine rationale Erklärung dafür gefunden. Es ist immer nur die emotionale oder politische Reaktion.


Die Bürgerinitiativen sagen, dass sie Angst haben, dass viele Menschen kommen, Parkplätze verstellt werden und es laut wird.

Parkplatzprobleme und Lärm gibt es auch, wenn Leute in die Kirche gehen, ins Theater oder ins Kino. In Moscheen könnte es am Freitag von zwölf bis zwei Uhr so sein, sonst nicht. Aber natürlich können wir darüber sprechen. Da werden Ängste politisch missbraucht.


Warum ist es so wichtig, dass bei Moscheeneubauten ein Minarett in den Plänen steht?


Warum ist ein Turm für eine Kirche wichtig? Eine Moschee mit Minarett ist ein Zeichen der Akzeptanz durch die österreichische Bevölkerung.


Viele Menschen sehen es als ein politisches Symbol.

Wenn die europäische Bevölkerung denkt, dass sie mit Minarett und Kuppel ihre Religion verliert, ist das ein Zeichen für mangelndes Selbstbewusstsein. Als Muslime wollen wir niemanden bekehren. Es steht eindeutig im Koran: Es gibt keinen Zwang im Glauben.


Woran liegt es, dass sich laut einer Umfrage 70 Prozent der türkischstämmigen Österreicher eher der Türkei als Österreich zugehörig fühlen?


Für die Zugehörigkeit zu Österreich muss man sich nicht von der alten Heimat distanzieren. Und wenn man das Zugehörigkeitsgefühl der Muslime zu Österreich verstärken will, muss man ihnen mehr Empathie entgegenbringen.


Was verstehen Sie unter Empathie?

Wir laden immer wieder zu Veranstaltungen ein, aber bis jetzt sind nur ganz wenige Politiker unserer Einladung gefolgt. Ich wünsche mir, dass die österreichische Politik stärker auf die Muslime zukommt. Aber Zwangsmaßnahmen bringen nichts. Wir verurteilen als Muslime selbst auch Dinge wie Zwangsheirat und Zwangsislamisierung. Das ist nach menschenrechtlichen und nach islamischen Aspekten falsch. Genauso ist es falsch, der muslimischen Bevölkerung mit Zwang zu begegnen.

Zur Person

Seyfi Bozkus, geboren am 1. Februar 1965 in Cankırı, ist türkischer Botschaftsrat in Österreich und Vorsitzender des Vereins Atib, des größten muslimischen Vereins des Landes. Bozkus studierte an der Marmara-Universität Theologie, später arbeitete er unter anderem als Imam in Stuttgart und Religionsattaché in Hannover, ehe er Ende 2010 nach Österreich kam. Bozkus ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Atib: Die „Türkisch-islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich“ wurde 1990 gegründet. Sie untersteht dem staatlichen Präsidium für religiöse Angelegenheiten der Türkei. Die Atib besteht aus 63 Gemeinden, darunter auch jene in Bad Vöslau und Telfs, die wegen Moscheeneubauten mit Minarett in die Schlagzeilen gerieten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2011)

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