Klasnic-Kommission: 964 Missbrauchs-Opfer gemeldet

Kardinal Schönborn weist entschieden zurück, er habe Schritte gegen einen Priester unterlassen, dem Übergriffe auf eine heute 45-Jährige vorgeworfen werden. Vorwürfe gegen Salzburgs Domprediger beschäftigen Rom.

(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Wien/Salzburg. 14 Monate nach Gründung der Opferschutzkommission unter Leitung Waltraud Klasnics liegt seit Montag eine neue Bilanz vor: 964 Betroffene (sexueller) Gewalt, begangen durch Mitarbeiter der katholischen Kirche, haben sich laut „Presse“-Informationen bisher gemeldet. 252 Personen wurde per Kommissionsbeschluss bisher eine Entschädigungszahlung zugesagt, sieben Fälle wurden abgelehnt.

Morgen, Mittwoch, stehen bei der nächsten Sitzung des Gremiums 40 weitere Entscheidungen an. Drei Viertel (74,8 Prozent) der anerkannten Opfer sind Männer. 315 Opfer haben nicht Geld, sondern anderes verlangt, wie beispielsweise ein Entschuldigungsschreiben eines Bischofs oder die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft eines Täters.

 

Franziskaner bekennt Schuld

Seit 1. Juni werden keine neuen Meldungen über die Klasnic-Kommission mehr entgegengenommen. Diese erfolgen nun über die Ombudsstellen der Diözesen. Die Kommission ist trotzdem aber alles andere als unterbeschäftigt: Sie muss die noch offenen Fälle erledigen, Zahlungszusagen beschließen und all jene Unterlagen bearbeiten, die (mehr oder weniger entscheidungsreif) aus den Diözesen erwartet werden. Denn über Entschädigungszahlungen soll auch in Zukunft allein dieses Gremium entscheiden.

Gleichzeitig hat sich am Montag laut Tiroler Tageszeitung ein Franziskanerpater in einem Schreiben mehrerer Übergriff auf ein damals 17-jähriges Mädchen schuldig bekannt: „Ich habe mich in meinem ersten Brief wirklich herauszureden versucht – sehe aber, dass ich im Unrecht bin und ihre Darstellung (der Betroffenen, Anm.) in allen Punkten richtig ist“, formuliert er in einem Schreiben an die Diözese Innsbruck. Einer der Vorfälle soll sich am Rande des Weltjugendtreffens 1984 in Rom zugetragen haben. Der Franziskanerpater wurde am Montag von seinem Orden vom Dienst als Schulseelsorger suspendiert. Das Einbringen einer Anzeige wird geprüft.

In Wien musste sich gleichfalls am Montag Kardinal Christoph Schönborn gegen einen gravierenden Vorwurf zur Wehr setzen. Rechtsanwalt Werner Schostal hatte am Sonntag eine Klage gegen ihn angekündigt. Der Wiener Erzbischof habe es unterlassen, eine strafbare Handlung zu verhindern. Hintergrund: Jene heute 45-Jährigen, die auch den Tiroler Pater angezeigt hat, soll laut eigenen Angaben als Erwachsene von einem weiteren Priester sexuell genötigt worden sein. Sie habe Schönborn 1994 darüber informiert, der damalige Weihbischof sei aber untätig geblieben. Der Erzbischof weist die Darstellung entschieden zurück. Der Betreffenden ist über die Klasnic-Kommission eine Soforttherapie bezahlt worden. Jetzt wird geprüft, ob sie eine Entschädigungszahlung erhält.

 

Warten auf Rom

Die Vorwürfe von sexuellem Missbrauch, die im März dieses Jahres gegen den Salzburger Pfarrer und Domprediger Peter Hofer erhoben worden waren, beschäftigen mittlerweile Rom. Das Salzburger Diözesangericht hat seine Voruntersuchungen über die Angelegenheit vor wenigen Wochen abgeschlossen und den Akt für das kirchenrechtliche Verfahren an Rom weitergeleitet. „Wir rechnen damit, dass es in zwei bis drei Monaten eine Entscheidung gibt“, sagte der Pressesprecher der Erzdiözese, Wolfgang Kumpfmüller.

Der Pfarrer und jene Salzburgerin, die angibt, als junge Frau Mitte der 1980er-Jahre von dem Geistlichen sexuell missbraucht worden zu sein, haben sich in den vergangenen Monaten darauf geeinigt, ein Glaubwürdigkeitsgutachten über ihre jeweiligen Aussagen erstellen zu lassen.

Ein von beiden Parteien akzeptierter Gutachter sei am 13. Mai beauftragt worden, sagte Fritz Müller, Rechtsanwalt des Pfarrers, zur „Presse“. Müller erwartet, dass das Ergebnis des Sachverständigen in zwei bis drei Monaten vorliegen wird.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse wird der Ruf nach staatlicher Kommission wieder laut. Eine unabhängige Stelle sei notwendig, „um Organisationsversagen zu beleuchten“, wie Grünen-Justizsprecher Albert Steinhauser erklärte. Ähnlich äußerten sich die Initiatoren des Volksbegehrens „gegen Kirchenprivilegien“.

Bilanz

Die unabhängige Opferschutzanwaltschaft hat bis zum 1. Juni insgesamt 1039 Meldungen registriert. Davon gaben 964 Betroffene an, Opfer von Gewalt/Missbrauch in der katholischen Kirche gewesen zu sein – der Rest bezieht sich auf Heime der Länder etc. Von den Meldungen, die die katholische Kirche betreffen, waren 721 Personen (74,8 Prozent) männlich. Insgesamt wurden in 18 Sitzungen 259 Fälle erledigt und Zahlungen an Betroffene vereinbart.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2011)

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