Ramadan: Muslime leiden unter kurzen Nächten

Der Fastenmonat Ramadan stellt Gläubige im hohen Norden auf die Probe: Zum Essen und Trinken bleiben ihnen in der Sommerzeit nur fünf Stunden. Für Schwangere, Kinder, Alte und Kranke sind Ausnahmen zugelassen.

(c) EPA (FAROOQ KHAN)

Stockholm/Apa. Für Muslime, die im äußersten Norden Europas leben, stellt der heurige Ramadan, der nach längerer Zeit wieder mitten in den Sommer fällt, eine besondere Herausforderung dar. In Lappland und in den übrigen Regionen im Norden Schwedens, Norwegens und Finnlands haben gläubige Muslime theoretisch maximal fünf Stunden zwischen Sonnenuntergang und -aufgang die Gelegenheit, Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen – und Sex zu haben.

Dabei gibt es unter Glaubensexperten unterschiedliche Auffassungen, wie mit dieser Situation umzugehen ist. Der Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Schweden, Omar Mustafa, meint, es liege an jedem einzelnen Gläubigen, individuell für sich zu entscheiden. „Es ist nicht der Sinn der Sache, rund um die Uhr zu fasten“, sagte Mustafa in einem Interview. Der Islam biete viele Alternativen, außerdem seien für Schwangere, Kinder, Alte und Kranke ohnehin Ausnahmen zugelassen.

Ramadan: Der islamische Fastenmonat

Laut Mustafa befasst sich bereits ein europäisch-muslimischer Glaubensrat, der „European Council for Fatwa and Research“ mit der Frage. „Derzeit folgen wir der Sonne, aber es wird in Europa aktuell darüber diskutiert, wie wir gemeinsam zu einer Lösung kommen können“, so der Vorsitzende der Glaubensgemeinschaft.

Mustafa wies darauf hin, dass zur Zeit des vorigen Sommer-Ramadan vor über 30 Jahren noch kaum Muslime in den nördlichsten Regionen Europas lebten. Daher sei das Problem damals noch nicht von vielen als solches wahrgenommen worden. Heute leben allein in Schweden rund 100.000 ihren Glauben ausübende Muslime. In den drei nördlichsten Regionen des Landes – Lappland, Norrbotten und Västerbotten – sind es einige Tausend.

 

Forderung nach Regelung

Mithilfe von komplizierten astronomischen Berechnungen wird nun versucht, eine weltweit einheitliche und gerechtere Regelung für die Abhaltung des Fastenmonats in polnahen Erdregionen zu finden. Derzeit reichen die Berechnungen aber nur bis auf die Höhe der schwedischen Stadt Umea (knapp 64 Grad nördlicher Breite), heißt es seitens der Islamischen Gemeinde des 270 Kilometer weiter nördlich gelegenen Lulea. Für diesen Ort hat man einen provisorischen Stundenplan erstellt: An einigen Tagen bekommen die muslimischen Bürger ausnahmsweise bis zu sieben Stunden Zeit zur Erfüllung ihre Grundbedürfnisse.

 

Es wird noch härter...

Für Muslime in Saudiarabien, Ägypten, Tunesien und weiteren arabischen Ländern stellt sich diese Frage nicht: Sie haben zwischen Sonnenuntergang und -aufgang wesentlich mehr Zeit als ihre Glaubensbrüder im hohen Norden Europas. Heuer hat der Ramadan, nach dem islamischen Mondkalender der neunte Monat, Anfang August begonnen.

In den kommenden Jahren verschiebt sich der Ramadan im Jahr um je eineinhalb Wochen noch weiter in die Jahresmitte. Da wird das Fasten für Muslime in den weit nördlich gelegenen Gebieten – wie auch in Grönland, Island, Alaska, Nordkanada und Sibirien – eine noch härtere Glaubensprüfung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2011)

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