Ramadan: Fasten, weil es Gott so will

Der Fastenmonat Ramadan ist für Muslime eine der wichtigsten religiösen Traditionen. Aber auch aus gesundheitlicher Sicht kann das Fasten sinnvoll sein.

Ramadan Fasten weil Gott
Ramadan Fasten weil Gott
Abendessen – (c) REUTERS (STRINGER/PAKISTAN)

Um 20.24 Uhr.“ Fatima Rahman muss nicht lange nachdenken, sie weiß genau, wann die Sonne untergehen wird. Denn das ist der Moment, ab dem sie wieder essen darf. Eine knappe Woche ist der Ramadan, der islamische Fastenmonat, erst alt. Seit dem 1.August nehmen gläubige Muslime von Sonnenaufgang an keine Nahrung mehr zu sich, weder fest noch flüssig. Erst am Abend, wenn die Sonne untergegangen ist, wird das Fasten gebrochen, dann darf wieder gegessen und getrunken werden.

„Schon als kleines Kind habe ich halbtags gefastet, um es zu probieren“, erzählt die 21-jährige Studentin der Politikwissenschaft. Mit zwölf oder 13Jahren fastete sie zum ersten Mal komplett mit. „Natürlich hat man tagsüber Hunger und Durst“, sagt sie. „Aber es ist kein sinnloses Hungern, denn dahinter steht meine Überzeugung.“ Schon im Koran ist das Fasten vorgeschrieben. Es gehört neben dem Glaubensbekenntnis, dem täglichen Gebet, dem Almosengeben und der Pilgerfahrt nach Mekka zu den fünf Säulen des Islam. Nicht immer ist ganz klar, wann der Ramadan nun beginnt oder endet – er beginnt, wenn die Mondsichel im neunten Monat des islamischen Kalenders zum ersten Mal sichtbar ist. Je nach Standort kann das variieren.

Weil die arabische Zeitrechnung die Monate nach dem Mond ausrichtet, wandert die Fastenzeit in unserer Zeitrechnung jedes Jahr um etwa elf Tage nach vorne. Was dazu führt, dass manchmal im Winter gefastet wird, und manchmal, so wie heuer, eben auch im Sommer. „Im Winter fällt es nicht so schwer“, sagt Rahman. „Da sind die Tage kurz, und es ist kühl.“ Auf der anderen Seite habe das Fasten im Sommer aber auch eine viel größere Intensität. „Man lernt den Wert von Nahrung und von Wasser erst zu schätzen“, meint sie. Und sei dadurch noch stärker motiviert, Menschen zu helfen, die wirklich hungern müssen, so wie etwa derzeit in Somalia.


Keine schwere Tätigkeit. Im Alltag bedeutet der Ramadan für Fatima Rahman und ihre Familie unter anderem, dass sie schon sehr früh aufstehen müssen – gegen 2.30Uhr in der Früh, danach wird das Frühstück vorbereitet und gebetet. Danach beginnt für alle der ganz normale Arbeitsalltag. Nur eben ohne Mittagessen, ohne Snack zwischendurch und auch ohne einen Schluck Wasser.

„Ungesund ist das nicht“, sagt Ibrahim Elmadfa, Vorstand des Instituts für Ernährungswissenschaft der Uni Wien. Zumindest nicht für Menschen, deren Stoffwechsel gut funktioniert. Menschen mit Nierenproblemen, Diabetiker oder Medikamentenabhängige könnten dadurch Probleme bekommen. Und natürlich müsse man – auch als gesunder Mensch – darauf achten, sich nicht zu überanstrengen. „Schwere körperliche Arbeit sollte man vermeiden.“ Außerdem ist es wichtig, vor Tagesanbruch viel Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Aber nichts Treibendes, etwa Kaffee oder Tee. „Wenn man den Ramadan mit Verstand betreibt“, sagt Elmadfa, „ist das auch im Sommer kein Problem.“

Unter den Muslimen hat der Ramadan einen enorm hohen Stellenwert– sogar unter den nicht oder nur wenig religiösen. Einer Studie des Pastoraltheologen Paul M. Zulehner zufolge halten 83Prozent der österreichischen Muslime den Ramadan ein. Weil es Tradition ist – so wie auch nicht religiöse Christen Weihnachten feiern. Und weil es auch eine gesellschaftliche Komponente hat. Denn das allabendliche Fastenbrechen wird häufig im Kreis von Familie und Freunden begangen, man lädt zu „Iftar“-Feiern und wird geladen. Es gibt kaum eine muslimische Organisation, kaum einen Verein, der nicht eigene Feiern ausrichtet.

Gelegentlich wird bei solchen Anlässen allerdings auch mehr gegessen, als man sollte. Manche Speisen werden speziell im Ramadan zubereitet, oft gibt es Süßspeisen zum Dessert. Und immer wieder hört man von Menschen, die dank der täglichen Festmahle nach dem Fastenmonat sogar zugenommen haben. „Ich habe auch einmal so viel gegessen, dass danach mein Bauch schon ganz hart war“, erzählt Fatima Rahman. „Aber jetzt esse ich nur mehr so viel, bis ich satt bin.“

Ernährungswissenschaftler empfehlen, dass man sich auch beim Fastenbrechen mäßigen soll. Leicht verdauliche, bekömmliche Kost sei wichtig. Und man soll zunächst einmal Flüssigkeit zu sich nehmen – und danach etwas kleines Süßes, etwa eine Dattel. Hält man sich daran, sei der Fastenmonat eine Erholung für den Körper. Eine Studie, die Ibrahim Elmadfa in Deutschland durchgeführt hat, ergab, dass die Fastenden am Ende des Ramadan 2,5 bis drei Kilo ihres Körpergewichts verloren haben. Und dass dabei keinerlei körperliche Schäden aufgetreten sind.

In muslimisch geprägten Ländern sieht man während des Ramadan tagsüber niemanden essen oder trinken, Restaurants haben geschlossen. Die ganze Gesellschaft hat sich dort dem Rhythmus des Fastenmonats angepasst. In Österreich ist der Tagesablauf der meisten Menschen dagegen unverändert. Ein Problem für Muslime? „Auf der Uni haben sogar Kollegen Rücksicht genommen und nicht gegessen, wenn ich dabei war“, erzählt Fatima Rahman. Aber das wäre wirklich nicht nötig. Denn auch das gehöre zum Ramadan dazu: „Man lernt, geduldig zu sein.“ Geduldig, bis die Sonne endlich untergegangen ist.

Lexikon

Ramadan
(„Sommerhitze“) ist der neunte Monat des islamischen Mondkalenders und der islamische Fastenmonat. Im Sonnenkalender verschiebt er sich jedes Jahr um etwa elf Tage nach vor. 2011 dauert er von 1.bis 29.August.

Gebot
Im Ramadan enthalten sich Muslime von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang jeglicher Aufnahme von Nahrung und Wasser. Abends wird mit einem meist opulenten Mahl das Fastenbrechen begangen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2011)

Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Ramadan: Fasten, weil es Gott so will

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.