Türkei: Streit um Frauen in Moscheen

Die Religionsbehörde will mehr Frauen in die Gotteshäuser bringen. Die Religiösen rebellieren: Das treibe die Frauen nur aus dem Haus – der „erste Schritt zum Kapitalismus“.

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Wer freitags in der Türkei an einer Moschee vorbeigeht, hat den Eindruck, der Islam sei eine Religion der Männer, denn nur die strömen zum Gebet. Dass Frauen meist nicht in der Moschee beten, hat aber nicht unbedingt mit Religion zu tun: Nach Ansicht vieler muslimischer Männer ist es für Frauen besser, wenn sie zu Hause beten.

Es gibt zwar einige Moscheen speziell für Frauen und in vielen Bethäusern einen exklusiven Bereich für Frauen. Das ist aber in der Regel ein versteckter Winkel, oft mit eingeschränkter Sicht oder gleich ganz ohne Sicht auf den Hauptteil der Moschee.

Die staatliche Religionsbehörde „Diyanet“ will nun die Frauen verstärkt in die Moscheen holen. Ihr Leiter, Mehmet Görmez, sagt, beim Freitagsgebet, an Feiertagen und bei Beerdigungszeremonien sollten Moscheen Frauen offenstehen: „Denken Sie an eine Mutter, deren Kind gestorben ist, die aber nicht an der Beerdigungsfeier in der Moschee teilnehmen kann!“ Der Theologe glaubt, dabei den Propheten Mohammed auf seiner Seite zu haben und zitiert eine Stelle im Koran, die Frauen klar den Besuch des Gotteshauses erlaubt.

Eine Kommission aus Frauen und Männern ist heuer die 3100 Moscheen Istanbuls abgegangen, und hat sich die Möglichkeiten für betende Frauen angesehen. Sichtblenden, die den Betraum für sie einschließen, sollen jetzt abgebaut werden. Auch soll es mehr Möglichkeiten für Frauen geben, die vor dem Gebet vorgeschriebene Waschung zu vollziehen.

 

„Der Prophet würde es verbieten“

Viele Männer haben dafür wenig Verständnis. Warnende, ja schrille Töne sind zu hören. In einer Artikelserie in der religiösen Zeitung „Zaman“ (Auflage: eine Million) gebrauchte jüngst der konservative Religionsphilosoph Ali Bulaç jedes nur denkbare Argument gegen den Moschee-Besuch der Frauen. Zuerst begann er zur Überraschung seiner Leser mit antikapitalistischen Tönen: Der Moschee-Besuch sei „der erste Schritt“ zum Kapitalismus. „Die globale Marktwirtschaft macht mobil, um die Frauen auszubeuten, indem sie sie vom Haus trennt.“ Und: „Wenn der Prophet gesehen hätte, was die Frauen heute machen, hätte er ihnen den Moschee-Besuch verboten.“

Bulaç und ähnlich Denkenden ist ein Spruch des Propheten nicht entgangen, wonach man Frauen den Besuch der Moschee nicht verbieten solle, aber es besser für sie sei, zu Hause zu beten. Dies steht nicht im Koran, sondern wurde von einem Gelehrten lange nach Mohammeds Tod aufgezeichnet.

Wohl im Bewusstsein, dass seine religiösen Argumente schwach sind, berief sich Bulaç schließlich auf Brauch und sogar Religionsfreiheit: Er fragte, ob das Diyanet das Recht habe, die Sitten der Muslime zu ändern. Schließlich pochte er auf „kulturelle Identität“: Die Frauen aus dem Haus zu treiben, erst in die Moschee und dann auf den freien Markt, sei eine „vom Westen formulierte Staatspolitik“.

 

Modernisierung nur Im Westen

Fast möchte man dem Diyanet zu seinem Schritt gratulieren, wäre da nicht ein Schönheitsfehler: Seine Initiative zum Moschee-Besuch der Frauen bezieht sich auf den Westen der Türkei. Im Osten will Diyanet die Dorfgeistlichen (auf Türkisch „Molla“, auf Kurdisch „Mele“) in ihren Dienst stellen. Das sind aber meist ältere, konservative Männer ohne theologische Ausbildung, die in Religionssachen beraten und durchaus auch Doppelehen segnen. Als Träger eines modernen Religionsverständnisses taugen sie wenig. So agiert die Religionsbehörde im Westen der Türkei modern, im Osten konservativ.

Auf einen Blick

Versuche der staatlichen türkischen Religionsbehörde, Frauen den Moschee-Besuch schmackhafter zu machen, treffen auf Widerstand konservativer Kreise. Frauen sollten lieber zu Hause beten, habe schon Mohammed gesagt, zudem sei es nur ein Vorwand des globalen Kapitalismus, um die Frauen zwecks Ausbeutung aus den Häusern zu bringen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2011)

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