Notwasserung im Hudson: New York feiert Pilot als Helden

"Wunder vom Hudson": Ein Airbus A320 der US Airways muss in New York notwassern - ein extrem schwieriges Manöver. Alle 155 Insassen können gerettet werden. Wildgänse dürften schuld am Absturz sein.

 Flugzeug im Hudson River
 Flugzeug im Hudson River
(c) AP (Bebeto Matthews)

New York hat einen neuen Helden: Chesley Sullenberger brachte einen voll besetzten Airbus A320 sicher zur Notwasserung im eiskalten Hudson River - und das nach einem doppelten Vogelschlag. "Dieser Pilot hat wunderbare Arbeit geleistet und es geschafft, dass mehr als 150 Menschen das Flugzeug lebend verlassen konnten", sagte der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, der selbst den Pilotenschein hat. Sullenberger ist mit dem Schlüssel der Stadt ausgezeichnet worden. Experten und Passagiere würdigten die meisterhafte Leistung des Piloten. Der Gouverneur des Staates New York, David Paterson, sagte in Anspielung an den Weihnachtsfilm "Das Wunder von der 34. Straße": "Ich glaube, wir haben jetzt ein Wunder vom Hudson."

Sullenberger ist am Donnerstag beim Flug 1549 von New York nach Charlotte in North Carolina ein Kunststück gelungen: Nur wenige Minuten nach dem Start meldet er per Funk einen doppelten Vogelschlag, vermutlich sind Wildgänse in die Triebwerke geraten. Beide Triebwerke fallen aus. Über dem Vorort Yonkers macht Sullenberger eine Kehrtwende. Der Airbus verliert an Höhe, dann wassert er im Hudson River - ein extrem schwieriges Manöver, das nur selten gelingt. Alle 150 Passagiere, die drei Besatzungsmitglieder und zwei Piloten wurden aus dem sinkenden Wrack gerettet und überlebten.

Notlandung nah an den Gebäuden
Notlandung nah an den Gebäuden
(c) AP (Bebeto Matthews)

Fähren und Boote der Polizei und Küstenwache eilten sofort zu dem Flugzeug, das bei Temperaturen um minus sieben Grad Celsius bis zu den Fenstern in die Fluten eintauchte. Mehrere Menschen kletterten in Panik auf eine Tragfläche, andere rutschten ins Wasser und mussten später wegen Unterkühlung im Krankenhaus behandelt werden. Die meisten Passagiere konnten sich über die Notausstiege retten und wurden von den Booten aufgenommen. Eine Frau brach sich beide Beine, Ersthelfer behandelten nach Angaben der Rettungsdienste 78 Personen mit meist leichteren Verletzungen.

"Höllisch gute Landung"

Ein Behördensprecher, der die Cockpitgespräche des Fluges 1549 abhörte, sagte CNN, der Pilot sei außerordentlich ruhig gewesen während des ganzen Vorganges. "Da gab es keine Panik, keine Hysterie", sagte der Sprecher. "Alles war professionell, ruhig, methodisch. Es war alles so, wie man hofft, dass es sein würde."

Ein Passagier, Jeff Kolodjay, sagte, er habe zwei oder drei Minuten nach dem Start eine Explosion gehört und von seinem Fenster aus gesehen, dass ein Triebwerk brannte. "Der Captain sagte, wir sollten uns auf einen Aufprall vorbereiten, weil wir runter gingen", berichtete er. Alle hätten sich geduckt und gebetet. Das Flugzeug sei ziemlich hart auf dem Wasser aufgeprallt, aber alles sei in Ordnung gewesen. "Es war heftig. Man muss es dem Piloten zugutehalten: Er hat eine höllisch gute Landung hingelegt."

Joe Hart, der ebenfalls in der Maschine saß, sprach von einer phänomenalen Leistung des Piloten. Der Aufprall sei "nicht viel härter als bei einem Auffahrunfall" mit dem Auto gewesen. Auch Augenzeugen außerhalb des Flugzeugs berichteten, der Pilot habe die Maschine augenscheinlich kontrolliert auf dem Wasser aufgesetzt. US-Airways-Chef Doug Parker bestätigte, dass an Bord des Flugzeugs 150 Passagiere, drei Flugbegleiter und zwei Piloten waren.

30 Jahre Flugerfahrung

Sullenberger verfügt nach US-Medienberichten über mehr als 30 Jahre Flugerfahrung, darunter auch bei der US-Luftwaffe. Nach der Rettung der Passagiere sei er noch zweimal durch die Maschine gegangen, um sicherzustellen, dass auch wirklich niemand zurückblieb, lobte Bloomberg.

Nach dem Unglück rief Sullenberger seine Frau Lorrie in Danville in Kalifornien an: "Es hat einen Unfall gegeben." Sie habe dabei an eine Nebensächlichkeit gedacht. "Aber dann hat er mir die Umstände erklärt, und ich habe angefangen zu zittern", erzählte die Frau dem Sender CNN.

Wrack an Anlegestelle vertäut

Schlepper vertauten den Rumpf mit Stahlseilen, um ein Versinken zu verhindern. Sie zogen das Flugzeug im Laufe des Abends rund drei Kilometer flussabwärts und befestigten es an einer Anlegestelle des Battery Parks an der Südspitze von Manhattan. Mit einem Kran und einem Schlepper soll die tief im Wasser liegende Maschine geborgen werden. "Wir wollen das Flugzeug so schnell wie möglich rausholen, aber wir wollen es sicher machen", sagte Kitty Higgins, die Sprecherin der nationalen Verkehrssicherheitsbehörde laut US-Nachrichtensender CNN. Der europäische Flugzeugbauer Airbus kündigte an, Experten zur technischen Unterstützung der Ermittler nach New York zu schicken.

Nach Angaben der US-Luftaufsichtsbehörde FAA wurden in den USA zwischen 1990 und 2005 rund 65.000 Zwischenfälle mit Vogelschlag gemeldet - etwa einer auf 10.000 Flüge. "Sie würgen buchstäblich das Triebwerk ab, und es fällt aus", sagte ein pensionierter Delta-Airlines-Pilot, Joe Mazzone. Fluglotsen weisen Piloten regelmäßig auf Vögel in ihrer Flugbahn hin.

Der A320

Der Airbus A320 gehört zu den meistverkauften Flugzeugen für Kurz- und Mittelstrecken. Mehr als 3650 der Flugzeuge sind bereits ausgeliefert worden. Zu der Produktreihe gehören auch noch die Modelle A318, A319 und A321. Sie unterscheiden sich vom A320 vor allem durch Rumpflänge und Passagierkapazität. Die Airbus A320- Serie ist weltweit bei zahlreichen Fluggesellschaften im Einsatz. Der A320 wird in Toulouse montiert, A318, A319 und A321 in Hamburg-Finkenwerder.

Der erste Airbus A320 startete im Februar 1987 zu seinem Jungfernflug. Das zweimotorige Flugzeug ist knapp 38 Meter lang und hat eine Spannweite von 34 Metern. An Bord haben in der Regel rund 150 Passagiere Platz. Die maximale Reichweite ohne Tankstopp beträgt fast 5000 Kilometer.

Mit dem A320 führte Airbus die elektronische Flugsteuerung in der Großserie ein. Das System passt die Flugeigenschaften der unterschiedlich großen Jets vom A318 bis zum A321 so einander an, dass Piloten ohne aufwendige Umschulung zwischen einzelnen Modellen wechseln können.

(Ag.)

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