Norwegen: Wo das Problem seit Jahren benannt wird

Sexattacken durch Flüchtlinge sind ein altes Thema. Man führte gar Aufklärungskurse für Männer ein.

Oslo/Stockholm. In Norwegen nehmen männliche Flüchtlinge aus Afrika und arabischen Ländern seit Jahren an gewaltvorbeugenden Kursen teil. Grund für die Einführung: Seit 2008 wurde ein deutlicher Anstieg sexueller Übergriffe, begangen vor allem durch Migranten, bemerkt.

Norwegerinnen haben sich stets frei und emanzipiert gefühlt und keine Bedenken gehabt, nachts allein durch städtische Parks zu gehen. In dem reichen und lange ethnisch recht homogenen Land fühlten sie sich sicher. Dann führten Übergriffe zu einer Debatte, Demos von Bürgern und Nachtwachen. Hanne Kristin Rohde, ehemalige Polizeichefin für Gewaltverbrechen in Oslo, prangerte 2011 öffentlich an, dass junge Moslems einen Großteil der Vergewaltigungen in Oslo begingen. Dafür wurde sie medial wild attackiert, doch: „Jetzt wird offener darüber geredet“, sagt sie.

 

Frauen als Männereigentum

Die damals initiierten Aufklärungskurse wurden zunächst in einigen Asylwerberheimen bei Stavanger getestet. Neben zahlreichen anderen Maßnahmen entschied die Regierung 2013, sie in allen Asylbewerberheimen anzubieten.

Nahe Stavanger leitete Nina Machibya solche Kurse, getrennt mit moslemischen Afghanen und christlichen Eritreern. „Es waren je zehn Flüchtlinge, ein Übersetzer, zwei Lehrer. Die Flüchtlinge waren dankbar, weil sie doch vieles lernen konnten, was sie noch nicht wussten“, sagt sie zur „Presse“. Die meisten hätten gewusst, dass Europa eine andere Kultur habe – „aber im Gespräch konnten wir wichtige Lücken füllen“, sagt Machibya. Dabei seien etwa unterschiedliche Aspekte von Gewalt und norwegische Werte diskutiert worden. „Anfänglich wurden wir beschuldigt, Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen“, sagt Ausbildungsleiter und Psychologe Per Isdal. Heute ernte man nur Anerkennung.

 

„Falsche politische Korrektheit“

Durch Krieg oder Flucht traumatisierte junge Menschen neigen laut Studien zu Gewalt. „Da leiden auch Freunde, Ehefrauen oder die Kinder daran“, sagt Isdal. Hinzu komme, dass die kulturellen Unterschiede zu den Gesellschaften arabischer Länder und Afrikas, wo Frauen teils als Eigentum ihrer Männer angesehen werden, groß seien. So wird im Kurs auch erklärt, dass es in Norwegen strafbar ist, die Ehefrau zu vergewaltigen, oder dass nicht verwandte Männer und Frauen einfach nur Freunde sein können.

„Die größte Gefahr ist es, solche Probleme wegen falscher politischer Korrektheit totzuschweigen“, sagt Isdal. Inzwischen gibt es Forderungen, die Kurse verpflichtend zu machen. Davon aber hält Isdal nichts: „Da machen die Flüchtlinge zu, wenn man sie zwingt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2016)

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