Tourismus: Wohnen wie ein echter Wiener

Immer mehr Wien-Besucher wollen im Urlaub wie die Einheimischen leben. Dafür gibt es nun ein Angebot. Das Motto: Wohnen bei imaginären Freunden.

(c) Chez Cliché“ (Alexander Haiden)

Wien. Hotels? Die sind vielen Touristen zu steril. Apartments? Nett, aber unpersönlich. Deshalb hat sich der Trend „Live Like a Local“ entwickelt. Das heißt: Immer mehr Touristen wollen wie Einheimische wohnen. Und: Sie wollen das Gefühl haben, bei guten Freunden zu übernachten.

Dieser Trend kommt nun nach Wien. Vorreiter sind Claudia Diwisch und ihre Kollegen mit ihrem Unternehmen „Chez Cliché“. Sie vermieten seit dem Herbst acht Wohnungen, die so gestaltet sind, als würde ein echter Wiener darin wohnen. Die Zimmer sind auch mit persönlichen Gegenständen des fiktiven Freundes/Vermieters ausgestattet, wobei jede Wohnung nach einem eigenen Thema gestaltet wurde.

 

Wohnen bei fiktiven Freunden

Da gibt es beispielsweise die Wohnung von Sophie. Wer sie mietet, bekommt die Wohnung einer fiktiven Botanikerin, die sich abseits ihrer Arbeit mit Heil- und Küchenkräutern beschäftigt – was sich in ihrer Wohnung widerspiegelt. Es finden sich geblümte Kleider, Gummistiefel, ein stylisches Bücherregal, und neben der Küche hängt eine schwarze Kreidetafel. „An apple a day, keeps the doctor away“, steht darauf. Daneben sind kleine Figuren gekritzelt. Im Wohnzimmer hängt bewusst achtlos eine Decke über dem Schaukelstuhl. Passend dazu gibt es für Touristen eine Biografie der fiktiven Sophie, eine Beschreibung ihrer Vorlieben und Hobbys. Passend zu der Persönlichkeit der fiktiven Sophie wurde die Einrichtung der Wohnung abgestimmt. Wobei Diwisch darauf geachtet hat, dass die Wohnung so aussieht, als hätte Sophie die Wohnung nur kurz verlassen und würde bald wiederkehren.

Wie kommt man auf diese Idee? „Wir hatten die Idee in Berlin. Ein Freund hat zwei Wohnungen vermietet und die Gäste waren immer so begeistert, weil er sie so liebevoll vorbereitet hat“, sagt Diwisch, die derzeit noch ihre Fotoproduktionsfirma betreibt. Aus der Idee wurden (nach zwei Jahren Vorbereitung) die acht Wohnungen in bester Lage in Wien. Diese können zwischen zwei Tagen und zwei Monaten gemietet werden. Als Themenunterkunft gibt es beispielsweise noch die Wohnung von Koloman, dem Theaterliebhaber (die entsprechend eingerichtet ist), Romy mit ihrer Fin-de-Siècle-Wohnung oder Beat, der die Musik schon im Namen trägt. Auf der Homepage von Chez Cliché sind die Biografien aller Charaktere zu sehen, sogar kleine Skizzen, wie die Menschen aussehen könnten. Und eine Liste von Orten, die sie den Besuchern empfehlen würden.

Zielgruppe von Diwisch sind Touristen aus der ganzen Welt. Junge wie Alte würden kommen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer betrage zwei Tage. Vorreiter dieses Trends sind auch Plattformen wie Airbnb oder Couchsurfing – wo neben dem freien Apartment, Zimmer, Schlafplatz auch noch soziale Kontakte durch die Vermieter mitvermittelt werden.

Zahlen, wie viele Menschen solche Apartments tatsächlich nutzen, gibt es nicht. „Das wird nicht extra aufgeschlüsselt“, sagt Andreas Dänemark, Geschäftsführer der Sparte Hotellerie der Wiener Wirtschaftskammer. Auch Wien Tourismus hat keine Statistik dazu, geht aber davon aus, dass der Trend stark am Zunehmen ist.

 

Wohnungen für Geschäftsleute

Beim Kurzzeitvermieten von Wohnungen muss dabei zwischen Touristen, die „Live Like a Local“-Urlaub in der Stadt machen, und so genannten Businesskunden, die länger in der Stadt bleiben, unterschieden werden. „Für Firmenmitarbeiter gibt es so etwas schon länger und funktioniert auch gut, weil es den Firmen entgegenkommt“, sagt Vera Schweder von Wien Tourismus. Tatsächlich sind hier in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Anbietern auf den Markt gekommen. Zu den großen Anbietern gehört etwa die Plattform Kurzzeitwohnen.com, die Apartments für Firmen vermittelt. „Wir hatten vor einem Jahr noch 160 Wohnungen, mittlerweile sind es 530“, sagt Geschäftsführer Rafael Walter. Die durchschnittliche Verweildauer liege bei sechs Wochen bis zu einem halben Jahr, erklärt Walter.

Die große Zahl von Anbietern, die Wohnungen kurzzeitig an (vor allem ausländische) Firmenmitarbeiter vermieten, drückt nun die Preise in Wien. Ingo Lantschner von Übergangswohnung.at meint: Anfangs hätte er Wohnungen außerhalb der Top-Lagen noch um 2000 Euro pro Monat vermieten können, nun liege der Preis bei 1500 bis 1600 Euro. Lantschner: „Es gibt mittlerweile viele neue Anbieter, und die drücken den Preis.“

Auf einen Blick

Tourismustrend. „Live Like a Local“ erreicht nun auch Wien. Das bedeutet, dass immer mehr ausländische Gäste bei ihrem Wien-Besuch nicht in Hotels oder Apartments wohnen wollen. Stattdessen suchen sie das Erlebnis, wie Einheimische leben zu können. Für sie gibt es nun ein Angebot: mietbare Wohnungen, die aussehen, als würde ein Wiener ständig darin wohnen – inklusive persönlicher Accessoires des fiktiven Freundes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2013)

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