Neue Töne aus dem Gasometer: Gesang statt Shopping

Im Gasometer eröffnet ein Musikcluster. Rund um die Türme wertet die Stadt Wien das Gebiet mit Bauprojekten auf.

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Gasometer – Die Presse

Wien. Die Arbeiten sind bis zum Schluss gelaufen. Noch am Donnerstag musste in einigen Glaskobeln im Wiener Gasometer der Boden verlegt, die Decken und Wände gestrichen werden. Am Freitagvwar es dann so weit. In den ehemaligen Kohlegasspeichern eröffnete offiziell ein 8200 Quadratmeter großer Musikcluster, der das seit Jahren in Schieflage geratene Stadtentwicklungsprojekt wieder zurechtrücken soll.

Kernstücke des neuen Schwerpunkts sind die Musikschulen und -geschäfte im Turm B, die sich in den vergangenen Monaten dort angesiedelt haben. Allen voran die Wiener Popakademie („Die Presse“ berichtete), in der Jugendliche in ihrer Freizeit zu Popmusikern ausgebildet werden. Gleich gegenüber liegt nun das Jam Music Lab. Ein Jazz-Pop-Konservatorium für angehende Berufsmusiker. Daneben ist mit Vienna Guitars der E-Gitarrenbauer Franz Guggenberger eingezogen, der E-Gitarren repariert, aber auch Instrumentenbaukurse anbietet. Weiters befinden sich noch die Electronic Music Academy (kurz EMA) sowie der hausinterne Konzertraum, genannt „Spielraum“, vor Ort.

Gemeinsam mit dem bereits auf 3.500 Quadratmetern bestehenden Musikgeschäft Klangfarbe im Turm D und der Konzerthalle im Turm-B-Erdgeschoß bildet der Musikschwerpunkt einen Neustart in der Gasometer-Geschichte, die alles, nur nicht glanzvoll gewesen ist.

2001 noch als das Stadtentwicklungsprojekt gefeiert, wurden die Gasometertürme innerhalb kurzer Zeit eher als Katastrophenprojekt bekannt. Unzählige Geschäfte des Einkaufszentrums – das sich damals noch durch die vier Türme zog – machten bereits nach einem Jahr zu, danach wurde viel von „Neuausrichtung“ gesprochen. Nur gekommen ist sie nie.

2011, zehn Jahre nach der Eröffnung, hieß es in einem (vernichtenden) Rechnungshofbericht unter anderem, dass von 2007 bis 2009 nur 50 Prozent der Flächen vermietet waren. Das ergab Verluste in Millionenhöhe.

„Das Konzept war damals einfach zu beliebig. Man hätte früher einen Schwerpunkt setzen müssen“, erklärt der heutige Gasometer-Geschäftsführer Peter Schaller. Schaller hat die Umsetzung des Musikschwerpunkts vorangetrieben und will ihn nun weiter ausbauen. Nach Turm B sollen auch in den – derzeit leer stehenden – Turm C Musikanbieter ziehen. Die verbleibenden Nahversorgergeschäfte sind schon 2012 alle im Turm A untergebracht worden.

Stadtbetriebe ziehen hierher
Die neuen Mieter sind jedenfalls nach den ersten Monaten im Probebetrieb zufrieden. „Das Weihnachtsgeschäft war phänomenal“, sagt E-Gitarrenbauer Franz Guggenberger. Risikolos war der Umzug für ihn nicht. „Ich hatte lange Zeit Bauchschmerzen“, sagt er – weil er das Image des Gasometers kannte und der Sprung für ihn (finanziell) ein großer war. Von 60Quadratmeter Geschäftsfläche im 15. Bezirk auf nun 160 Quadratmeter. Möglich macht das die verhältnismäßig niedrige Miete. „Im Vergleich zu anderen Shoppingmalls ist sie ein Klacks“, sagt er.

Peter Schaller rechtfertigt die aktuellen Preise (die er nicht nennen möchte) mit einem Baukostenzuschuss der Stadt Wien von 1,1 Millionen Euro. Dadurch könne die Miete gesenkt werden. Insgesamt wurden in den Umbau 1,8Millionen Euro gesteckt.

Doch die Maßnahmen der Stadt Wien greifen ohnehin viel weiter. In einem Kraftakt wird das Gebiet rund um das Gasometer mit diversen Bauprojekten aufgewertet. Gleich neben Turm A entsteht die Zentrale von Wiener Wohnen, in der Nähe von Turm D die Zentrale von Wien Energie Stromnetz. Daneben werden an verschiedenen Standorten rund 740 von der Stadt Wien geförderte Wohnungen gebaut.

Die ursprünglichen Pläne aus 2001 sind damit freilich noch nicht umgesetzt. Damals war die Rede von einer großflächigen Aufwertung des gesamten Umlandes bis in den dritten Bezirk, von Wohnen am Teich, neuer Infrastruktur und einer Verdreifachung der Arbeitsplätze. „Langsam tut sich etwas, aber es ist nicht das ganze Projekt, und das ist schade“, sagt die Bezirksvorsteherin des Elften, Renate Angerer (SPÖ). Auch wenn sie die neuen Impulse gutheißt, kritisiert sie den fehlenden Straßenausbau, damit das Gebiet erst gut erreicht werden kann.

Was passiert, wenn die Gasometer-Revitalisierung wieder schiefgeht, darüber will naturgemäß noch niemand nachdenken: „Aber es ist nicht so, dass man das Gasometer einfach wegsprengen kann“, sagt Peter Schaller.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2013)

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