Fahrrad-Guru: "Von guter Infrastruktur sehe ich hier nichts"

Der dänische Fahrrad- und Urbanismus-Guru Mikael Colville-Andersen erklärt, wie Wien rasch von einer „alten Stadt“ zum Erfolgsmodell à la Kopenhagen werden könnte.

THEMENBILD-PAKET: RADFAHREN / RADFAHRER / VERKEHR
THEMENBILD-PAKET: RADFAHREN / RADFAHRER / VERKEHR
Radkorso – APA/HELMUT FOHRINGER

Die Presse: Wenn wir in Wien über Lebensqualität, über gelungene Radkonzepte sprechen, nennen wir stets Kopenhagen. Wenn Sie durch Wien radeln, welcher Unterschied fällt auf?

Mikael Colville-Andersen: Wenn es um Verkehrsplanung geht, ist Wien eine alte Stadt. Es herrscht eine Art Matrix der Autos. Aber jetzt gibt es ein neues Paradigma, das ist in Wien nicht angekommen. Ich bin eben vom 25hours Hotel zum Rathaus und hierher (in den Shop Stilrad in der Innenstadt, Anm.) gefahren. Es war schwer, den Radweg zu finden, ich musste zickzack fahren. In Kopenhagen findet man intuitiv jeden Weg, auch wenn man nie zuvor da war. Es gibt eine logische, gut designte Infrastruktur, die intuitiv nutzbar ist. Hier? Die Matrix dominiert. Autos beherrschen die Stadt. Stadtplanung ohne Visionen, eine altmodische Stadt.

Wien investiert viel in den Radverkehr, der Radanteil steigt seit Jahren.

Ja, im Vergleich zu anderen Städten gibt es viele Radfahrer. Aber Städte wie Sevilla haben denselben Anteil wie Wien, etwa sieben Prozent, in kürzerer Zeit erreicht. Und bei null angefangen. Der Anteil in Wien steigt langsam. Was ist das Ziel? Zehn Prozent bis 2015? Das könntet ihr in sechs Monaten erreichen.

Was müsste geschehen?

Es geht um die Nutzung des urbanen Raums. Ihr akzeptiert den Status: Straßen sind für Autos da, ihr verehrt Autos. Fußgänger und Räder stören. Aber weil sie mehr werden, versuchen die Verkehrsplaner, sie in das System zu quetschen. Das sieht man an der Infrastruktur. Was es braucht? Die Erkenntnis, dass es andere Formen der Mobilität gibt. Man muss denken: Fahrrad zuerst! Jeder sagt: „Oooh, Amsterdam, Kopenhagen...“ Ja, dort sind großartige Dinge geschehen. Im Grunde haben sie aber nur gesagt: Das Rad zuerst. Es geht nicht um das Rad, es geht um lebenswerte Städte. Räder sind ein perfektes Mittel dafür. Wollt ihr, dass Menschen Rad fahren? Macht dem Rad den schnellsten Weg von A nach B! Und es muss sicher sein, also braucht man gute Infrastruktur. Davon habe ich hier nichts gesehen. Entlang des Rings? Der Weg ist zu schmal.

Das ist hier einer der besten Radwege.

Ah ja? Na dann viel Glück (lacht).

Schon jetzt, ohne den Platz der Autofahrer groß zu beschneiden, sorgen Radfahrer für jede Menge Konflikte. Politisch und auf den Straßen.

Ja, weil ihr Radfahrer zwischen die Autos und Fußgänger schickt. Man braucht eine Hierarchie: Fußgänger zuerst, dann Radfahrer, dann öffentlicher Verkehr, dann individueller Autoverkehr. Ich bin kein Radrowdy, aber auf dem Weg hierher bin ich in 20 mögliche Konfliktsituationen mit Fußgängern geraten. In Kopenhagen trennen wir Autos, Räder, Fußgänger. Ist zu wenig Platz, nimmt man ihn den Autos.

Das ist politisch ein heikles Thema.

Ja, da muss man durch. Autos nehmen – im Verhältnis zur Zahl der Nutzer – obszön großen Raum ein. Das ist das System des vorigen Jahrhunderts, das neue Paradigma ist der Fokus auf die Menschen.

Das jüngste Projekt für den Radverkehr in Wien sind grün eingefärbte Radwege. Ist das sinnvoll?

Überall? Das ist eine ganze Menge Farbe. Was sind die ökologischen Folgen? Sorry, aber das klingt nach einem dummen Weg. Alles, was man braucht, ist gutes Design. Einfaches, dänisches Design. Wir haben vier Arten von Radwegen, das ist alles. Grüne Farbe? Das ist wie ein Smartphone, für das man ständig ein Nutzerhandbuch dabeihaben muss. Das ist schlechtes Design. Man muss die Infrastruktur einfach nutzen können.

Radcorso: Tausende Radler übernehmen Wiens Straßen

Wie sieht das dänische Modell aus?

Bis 30 km/h teilen wir die Straßen, in 40er-Zonen gibt es einen getrennten, mindestens 2,5 Meter breiten Radstreifen, bei 50 und 60km/h einen baulich getrennten Radweg, ab 70 km/h eine eigene Radspur, abgetrennt durch Grünstreifen oder Zaun. Das System ist überall in Dänemark dasselbe. Wir brauchen keine Farbe als Anleitung. Was soll das kosten?

Werden alle Wege grün, zehn Mio.

Zehn Millionen? Davon könnte man zehn Kilometer schön getrennte Radwege bauen, wie an der Ringstraße. Das wollt ihr für Farbe ausgeben? Das ist verrückt.

Sie sagen, Radverkehr braucht bloß gutes Design. Was muss das können?

Es geht um Infrastruktur. 200.000 Kopenhagener fahren mit dem Rad durch den Schneesturm. Warum? Die Wege sind frei und gesalzen, man kann sich darauf verlassen. Es sind die schnellsten Wege. Alles, was Städte tun müssten, ist, das Modell zu kopieren. Heute ist es die Aufgabe, lebenswerte Städte zu schaffen. Bertrand Delanoë, der Bürgermeister von Paris, lässt die Autobahn an der Seine herausreißen, schafft Bike-Sharing-Systeme. New York geht denselben Weg. Solche Leute werden berühmt, reisen um die Welt. Politiker: Wenn ihr ein Ego habt, macht die Städte schöner. Städte haben 7000 Jahre lang anders, mit anderen Geschwindigkeiten funktioniert. Wir haben das in 100 Jahren ruiniert, aber wir müssen nur zurück zum jahrtausendelang bewährten System. Noch in den 1940er-Jahren waren Städte radfreundlich. Und: Was wir in Kopenhagen geschafft haben, das geht in wenigen Jahren.

Zur Person

Mikael Colville-Andersen, geb. 1968, ist ein dänisch-kanadischer Designer und Experte für Stadtplanung, Mobilität und Urbanismus. Seine Agentur Copenhagenize Consulting arbeitet für Städte weltweit. Sein Cycle-Chic-Blog hat einst den Hype um Fahrradlifestyle begründet. [E. Huffman]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2013)

Kommentar zu Artikel:

Fahrrad-Guru: "Von guter Infrastruktur sehe ich hier nichts"

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen