Kinderheime: Der Sündenfall des Roten Wien

Bis Ende der Siebziger galten Heimkinder als wertlos, nicht nur auf dem Wilhelminenberg. Politische Ignoranz und Vertuschung ermöglichten Gewalt und sexuellen Missbrauch.

Heimkinder
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Heimkinder – United States Information Servic

An diesen schwarzen Mänteln haben wir sie erkannt. Ich habe gesehen, wie sie ein Mädchen auf die Bank gezerrt haben. Der eine hat sie mit den Händen nach hinten gezerrt, der andere hat sie vergewaltigt. Die hat geschrien und getobt. Die war in meinem Alter damals, so um die elf, zwölf Jahre.

Es sind erschütternde Aussagen, die sich im Endbericht jener unabhängigen Kommission finden, die im Auftrag der Stadt Wien die Vorwürfe gegen das ehemalige Kinderheim auf dem Wilhelminenberg untersucht hat: Sexueller Missbrauch und Gewaltexzesse standen an der Tagesordnung.

Von der Außenwelt abgeschottet, weit entfernt am Stadtrand, waren die Kinder sadistischen Erziehern und sexuellen Übergriffen schutzlos ausgeliefert – von Betreuern, Heimangestellten und Männern, die in der Nacht in das Heim eindrangen bzw. von Erzieherinnen extra dafür eingelassen wurden. Es waren geschlossene Systeme ohne jegliche Kontrolle. Kinder, die sich auflehnten, wurden halb totgeprügelt.

Der Wilhelminenberg, der nun die Staatsanwaltschaft beschäftigt, war nur ein besonders grausames Beispiel für die Situation in den Wiener Kinderheimen bis Anfang der Achtzigerjahre. In den anderen Wiener Heimen wie Eggenburg (Niederösterreich) und auf der Hohen Warte war es nicht viel besser, wie die Wiener Historikerkommission, die die damalige Situation in den städtischen Heimen untersucht hat, herausfand. Viele dieser Heime galten als „Endstation“ für schwer erziehbare Kinder. Wobei es wenig bedurfte, dass ein Kind damals wegen „Verwahrlosung“ zwangseingewiesen wurde. In einem österreichischen Handbuch der Fürsorge von 1954 wird Verwahrlosung (unter anderem) so definiert: „Frechheiten, Auflehnung gegen die Eltern, Putzsucht und Naschhaftigkeit.“

Gern wurden in dieser Zeit Mädchen wegen „sexueller Verwahrlosung“ eingewiesen – beispielsweise auch dann, wenn sie missbraucht worden waren. Wobei diese Kriterien kaum bei der Bürgerschaft oder gehobenen Gesellschaftsschichten angewandt wurden. Die meisten Kinder kamen aus dem Bereich der ärmlichen, gürtelnahen Gründerzeithäuser. Dort gab es viele Alleinerzieherinnen, keine Parks, keine Spielmöglichkeiten – der Vorwurf der Verwahrlosung, wenn Kinder daher allein auf der Straße oder im Innenhof spielten (und damit die Nachbarn störten), war schnell erhoben.


Drohung gegen Aufdeckerin. Die Geschichte der Wiener Kinderheime ist ein dunkles Kapitel der Stadt Wien. Und damit auch der SPÖ, die damals für die Bereiche verantwortlich war, in denen diese Verbrechen geschahen. Seit wenigen Tagen ist das auch amtlich: Die Zustände auf dem Wilhelminenberg waren den damals Verantwortlichen seit den Sechzigerjahren nachweislich bekannt. Sie wurden ignoriert und vertuscht. Bürgermeister Michael Häupl und Jugendstadtrat Christian Oxonitsch haben sich öffentlich bei den Opfern entschuldigt. Und auch Entschädigung sollen sie erhalten.

Die historische Schuld bringt das Selbstbild einer Partei ins Wanken, die sich seit ihrer Gründung den Kampf für die Schwächsten der Gesellschaft auf ihre Fahnen geschrieben hat. Denn spätestens seit dem Bericht von Irmtraut Karlsson Anfang der Siebzigerjahre lagen alle Fakten auf dem Tisch. Die damalige Beamtin der Stadt und spätere SP-Nationalratsabgeordnete untersuchte die Wiener Kinderheime, stellte gravierende Missstände fest und sprach wörtlich von „Kindergefängnissen“. Die Folge waren massive Drohungen gegen Karlsson bis hin zu dienstlichen Konsequenzen. Diese kamen von den zuständigen Spitzenbeamten, erklärt sie der „Presse am Sonntag“. Der Bericht selbst blieb ohne Folgen. Es bleiben damit zwei Interpretationen: Die verantwortlichen Politiker (die Missstände fallen in die Zeit der SP-Stadträtinnen Maria Jacobi und Gertrude Fröhlich-Sandner) waren völlig hilflos gegen den Widerstand der Beamtenschaft, die nichts ändern wollte. Oder: Das politische Interesse, etwas zu ändern, war nicht groß genug.

Damals herrschte ein gesellschaftliches Klima, in dem Heimkinder als wertlos galten. Kamen Missstände an die Öffentlichkeit (was kaum passierte), reagierte kein einziger Wiener Politiker, kein Beamter – weder Polizei (sie weigerte sich damals, derartige Anzeigen überhaupt aufzunehmen) noch die Öffentlichkeit. Es wurde von allen Seiten totgeschwiegen. Deshalb konnten Erzieher und Heimmitarbeiter schalten und walten, wie sie wollten.


NS-Ideologie. Mit ein Auslöser dieser Zustände war die Auswahl der Erzieher. Es wurde de facto jeder genommen. Die Heime zogen nach dem Krieg auch jene an, die bereits in NS-Heimen gearbeitet hatten, im Sinne der NS-Ideologie ausgebildet waren und sich auch damit identifizierten. Beispielhaft dafür: Im Heim Eggenburg (Niederösterreich) wurde 1955 ein „Erzieher“ eingestellt, der in der SS-Totenkopfstandarte „Thüringen“ gedient hatte. Er gehörte auch zum Wachpersonal des Konzentrationslagers Buchenwald. Die damalige Begründung, warum er für „schwer erziehbare“ Kinder eingesetzt wurde, ist an menschenverachtendem Zynismus nicht mehr zu überbieten: „Weil seine Stärke überwiegend auf dem Gebiete einer lückenlosen Beaufsichtigung liegt.“

Der Geist der NS-Erziehung war in den Heimen bis Ende der Siebzigerjahre spürbar. Denn neue Erzieher hatten in diesem geschlossenen System nur zwei Möglichkeiten. Entweder die herrschenden Methoden übernehmen, oder gehen. Sadismus, harte Strafen und strenge Regeln, die die Kinder oft unmöglich einhalten konnten, prägten dadurch den Alltag. Beispielsweise war es oft verboten, in der Nacht auf das WC zu gehen. Wer es tat, bezog Prügel. Wer es nicht tat und ins Bett machte, musste ebenfalls mit Schlägen rechnen. „Dass manche Erzieherinnen sehr sadistische, bösartige Geschöpfe waren – das war gang und gäbe, das streitet ja niemand ab“, erklärte eine Ex-Betreuerin gegenüber der Wilhelminenberg-Kommission. Dass in anderen österreichischen Kinderheimen die Situation nicht viel anders war, wie Historiker-Kommissionen aus einigen Bundesländern aufzeigten, ist für die Betroffenen kein Trost.

Die Zustände auf dem Wilhelminenberg waren so unerträglich, dass laut Karlsson 1971 die Notwendigkeit für Reformen in Wien zumindest erkannt wurde. Doch bis die umgesetzt wurden, sollte es Jahrzehnte dauern.

Lexikon

Schloss Wilhelminenberg im Westen Wiens diente 1927 erstmals als städtische Kinderherberge.

1945 wurde es zum Heim für „erholungsbedürftige“ Kinder, von 1961 bis 1977 diente es als Heim für Sonderschülerinnen.

2011 erhoben einstige Bewohnerinnen schwere Vorwürfe. Im November wurde zur Untersuchung eine Kommission eingesetzt.

Am 12. Juni 2013 wurde der Endbericht präsentiert. Er bestätigt, dass Kinder über Jahrzehnte physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt waren. Auch massiver sexueller Missbrauch habe stattgefunden. Die Stadtverwaltung habe davon gewusst. Der Bericht geht an die Staatsanwaltschaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2013)

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