Deserteure - "Täter im positiven Sinn"

Das von Olaf Nicolai gestaltete Deserteursdenkmal auf dem Ballhausplatz soll ein „lebendiger Umgang mit Geschichte“ sein. Erwünschter Eröffnungstermin: der Nationalfeiertag.

Ballhausplatz
Ballhausplatz
Ballhausplatz – Die Presse

Wien. Er sei schon überrascht gewesen, dass sich die Jury ohne Bedingungen für seinen Entwurf entschieden habe. „Schließlich war ich mit meiner Einreichung sehr kompromisslos, habe keine Rücksicht auf irgendwelche Befindlichkeiten genommen“, betont Olaf Nicolai im Gespräch mit der „Presse“. „Hätte es Änderungswünsche gegeben, hätte ich es gleich bleiben lassen. Aber glücklicherweise gab es keine, was für den Mut der Jury spricht, sich eindeutig zu positionieren.“

Die Rede ist vom Wiener Deserteursdenkmal auf dem Ballhausplatz. Der Baustart für das Mahnmal zum Gedenken an die Opfer der NS-Militärjustiz soll Ende April erfolgen. Die Fertigstellung ist bis Herbst vorgesehen. „Der 26.Oktober (Nationalfeiertag, Anm.) wäre ein idealer Eröffnungstermin“, sagt Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ). Die Realisierung des Denkmals hatte die rot-grüne Stadtregierung bereits in ihrem Koalitionspapier verankert. Als Gesamtbudget wurden 245.000 Euro festgelegt.

 

„Keine ehrfurchtsvolle Distanz“

Die konkrete Ausgestaltung steht seit Juni 2013 fest, als Nicolai die entsprechende Ausschreibung gewann – obwohl der in Deutschland geborene Künstler gar kein Geheimnis daraus macht, Denkmälern grundsätzlich kritisch gegenüberzustehen. Wenn es um Gedenken geht, seien Mahnmäler in ihrer traditionellen Form oft gar nicht hilfreich, weil sie eine gewisse Interpretation darstellten, nach der man sich verhalten müsse. „Mit diesem Denkmal hingegen wollte ich etwas Zeitgemäßes, Lebendigeres im Umgang mit der Vergangenheit konzipieren“, so der 51-Jährige. „Das war die Herausforderung. Etwas zu schaffen, das keine ehrfurchtsvolle Distanz nahelegt, sondern von den Menschen angenommen wird.“

Herausgekommen ist eine dreistufige Treppenskulptur in blauem Grundton, die ein zehn mal neun Meter großes liegendes X darstellt (siehe Visualisierung). In die Oberfläche wird eine Inschrift eingelassen, die aus den Worten „all“ und „alone“ besteht und ein Gedicht des schottischen Lyrikers Ian Hamilton Finlay zitiert. Der in Schreibmaschinentypografie gehaltene Text verweist etwa auf die Frage, wie man sich als Einzelner in der Gesellschaft verhält, wenn man nicht deren Meinung teilt, erklärt Nicolai. Das X stehe als „Zeichen der Anonymisierung, der der Einzelne unterworfen ist und die ihn zum Zeichen in einer Liste, zum X in einer Akte werden lässt“.

 

Zivilgesellschaft soll sich zeigen

Nicolai wünscht sich, dass der Standort des Denkmals ein Ort wird, „an dem die Zivilgesellschaft aktiv ist und sich zeigt“. Die Deserteure seien keine „Opfer, sondern Täter im positiven Sinne“ gewesen, da sie bewusst eine Entscheidung getroffen hätten. „Und sie sprachen nicht nur Deutsch, daher habe ich mich für eine englische Inschrift entschieden – um zu verdeutlichen, dass verschiedene Nationalitäten vertreten waren.“ Auch Mailath-Pokorny weist auf die Bedeutung des Standortes hin, der „der zentralste und politisch am stärksten aufgeladene Wiens“ sei. „Der beste Ort für ein Denkmal, bei dem es nicht nur um Gedenken geht, sondern um die zentrale Frage, wie ich mich als Einzelner gegenüber einer autoritären, nicht demokratisch legitimierten Regierungsmacht verhalte.“

Neben der Gedenkstätte wird eine Erklärungstafel mit deutschen und englischen Erläuterungen angebracht. „Der Text soll die Komplexität der damaligen Situation erklären. Schließlich wurde das gesamte gesellschaftliche Leben militarisiert und in einen permanenten Kriegszustand versetzt“, so Nicolai. „Heute kann man sich das zum Glück gar nicht mehr vorstellen.“

 

Behörden-Hürden

Das Deserteursdenkmal soll im Übrigen nur den Anfang bilden. In Planung sind Mailath-Pokorny zufolge Denkmäler für die Opfer der Februarkämpfe 1934 und die Homosexuellen, die vom NS-Regime verfolgt und getötet wurden. Ein konkreter Zeitplan stehe aber noch nicht fest. Für Letztere scheiterte zuletzt ein Projekt (ein Becken mit rosa gefärbtem Wasser und Inschrift auf dem Morzinplatz) an behördlichen Einsprüchen – beispielsweise konnte kein gesundheitlich unbedenklicher Farbstoff gefunden werden, der das Wasser rosa färbt.

„Vielleicht sollte man sich von der Fixierung auf Denkmäler lösen, wenn man bei Gedenken ein Zeichen setzen will“, meint Nicolai. „Es geht doch eigentlich darum, Haltung zu zeigen und darauf aufmerksam zu machen, welche Funktion Kunst in diesem Kontext hat.“

Er wünscht sich daher eine stärkere Fokussierung auf Kunst im Bildungssystem, womit man jungen Menschen neues Selbstbewusstsein verleihen könne. „Es muss nicht jeder Künstler werden, aber jeder sollte was von zeitgenössischer Kunst verstehen“, fordert der 51-Jährige. „Damit man als Individuum eine Überzeugung haben kann und für diese Überzeugung mit Toleranz einsteht. Denn Denkmäler funktionieren nur dann, wenn sie von den Menschen auch gewürdigt werden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2014)

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