Sozialbegräbnisse in Wien: Konkurrenz „verboten"?

Für die Beisetzung Mittelloser zahlt Wien pro Jahr drei Millionen Euro. Die Ausschreibung gewann das stadteigene Unternehmen - Private erfüllten selektive Wünsche nicht.

Archivbild vom Wiener Zentralfriedhof
Archivbild vom Wiener Zentralfriedhof
Archivbild vom Wiener Zentralfriedhof – (c) Clemens Fabry / Die Presse

Wien. War es von Anfang an eine ausgemachte Sache, dass der Auftrag für die Abwicklung von Sozialbegräbnissen in Wien an den städtischen Marktführer, die Bestattung Wien, geht? Genau das ist Anfang dieses Jahres geschehen. Eine Handvoll privater Unternehmer, die ebenfalls gern zum Zug gekommen wären, stellt sich derzeit diese Frage. Eine eindeutige Antwort gibt es (noch) nicht. Ein Blick in den unter Verschluss gehaltenen Vergabeakt regt jedoch zum Nachfragen an. Die entsprechende Dokumentation liegt der „Presse" nach Recherchen vor.

Drei Millionen Euro jährlich. So lautet die Summe, die die ausgegliederte Bestattung Wien im Rahmen eines unbefristeten Vertrages künftig von ihrem mittelbaren Eigentümer, der Stadt Wien, bekommt. Dafür sind - ebenfalls pro Jahr - zwischen 800 und 900 Armenbegräbnisse durchzuführen. Eben solche erhalten Personen, die völlig mittellos sind und auch keine Verwandten haben, die dem oder der Verstorbenen ein normales Begräbnis bezahlen können oder wollen. Häufig betrifft das Obdachlose und andere gesellschaftliche Randgruppen. Die Kosten dafür werden aus der Steuerkasse beglichen.

Und künftig - wie auch bisher - an die Bestattung Wien überwiesen. Ein Grund dafür ist im Ausschreibungstext in Kapitel 3 („Eignungskriterien") nachzulesen. Angebote abgeben durften nämlich nur Bestatter, die in den Jahren 2010, 2011 und 2012 mindestens 1600 Leichentransporte und 1000 Begräbnisse jährlich abwickelten, wenigstens zehn Leichenwagen im Fuhrpark haben und zumindest 1,5 Mio. Euro Umsatz erbringen.

Schwerer Stand für Private

Das sind Kriterien, die in Wien nur ein einziges Unternehmen erfüllt. Alle anderen sind zu klein. Und trotzdem gab die zentrale Beschaffungsstelle (MA 54) bei der europaweiten Bekanntmachung an, dass man sich zumindest drei konkurrierende Bieter erwarte. Nachsatz: Auch wenn theoretisch Bieter aus der gesamten EU teilnehmen konnten, war die Teilnahme ausländischer Betriebe unwahrscheinlich. Für das Bestattergewerbe benötigt man nämlich eine eigene Infrastruktur, die bei einem Neueinstieg in die Region wirtschaftlich nicht zu errichten gewesen wäre.

In Wien ist das Geschäft mit Toten (ca. 15.000 Sterbefälle jährlich) traditionell fest in öffentlicher Hand. 2002 wurde der Markt zwar offiziell liberalisiert, letzten Endes hat der aus dem Magistrat ausgegliederte Marktführer seine wichtigsten Konkurrenten entweder aufgekauft oder mit der Macht der städtischen Verwaltung klein gehalten. Beispielweise wurden Hinterbliebene von Beamten automatisch zur Bestattung Wien geschickt, während die Werbemöglichkeiten für Mitbewerber stark beschränkt sind.

Diese Festung hält bis heute. So kämpft eine 69-jährige Wienerin wacker beim Verfassungsgerichtshof um die Genehmigung, dass ihr Körper, wenn es einmal so weit sein sollte, in einer privat geführten Kühlkammer zwischengelagert werden darf. Ihr geht es dabei ums Prinzip - und um die Kostenersparnis. Ebenfalls auf Widerstand stößt die Opposition. Vor einigen Tagen hat die ÖVP in der Tageszeitung „Heute" Einsicht in den ihrer Meinung nach intransparenten Vergabeakt zum Thema Sozialbegräbnisse gefordert - und verwehrt bekommen.
Warum der Ausschreibungstext so aussah, dass aufgrund der Anforderungen von Anfang an nur ein Bieter infrage kam? Weil der Abtransport von Leichen schon aus hygienischen Gründen im Fall des Falles schnell und vor allem verlässlich geschehen muss, sagt eine Ärztin der MA 15. Aus diesem Grund habe man von den Bietern eine gewisse Mindestgröße erwartet.

Dabei hätte bei einigen der Unternehmen in der Branche durchaus Interesse bestanden, mitzubieten. Entweder als Bietergemeinschaft oder allein. Der Größte unter ihnen, Heinrich Altbart, wäre auch zur Aufstockung der Kapazitäten bereit gewesen. Immerhin ging es um einen unbefristeten Vertrag mit sicherer Einkunftsquelle.
Dabei ist der Aufwand für den Dienstleister - bei aller Pietät - überschaubar. Nach dem Tod wird die Leiche in die zentrale Kühlkammer am Matzleinsdorfer Platz gebracht. Dort liegt sie einige Wochen, weil man wartet, ob sich vielleicht doch noch ein Angehöriger meldet. Wenn nicht, kommen die Körper der Verstorbenen in einen einfachen Sarg. Frühmorgens auf dem Zentralfriedhof öffnen sich dann die Gräber. Ein kleiner Blumenstrauß, ein kurzes Gebet vom Geistlichen - dann kehrt Ruhe ein.

Lexikon

Sozialbegräbnis. Wer mittellos oder verarmt stirbt und auch keine Verwandten oder Angehörigen hat, die ein Begräbnis bezahlen können oder wollen, erhält in Wien ein Armen- oder Sozialbegräbnis. Die Kosten trägt das Rathaus. Die Dienstleistung wurde Anfang des Jahres per Ausschreibung neu vergeben, den Zuschlag erhielt – für drei Mio. Euro jährlich – wieder die Bestattung Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24. April 2014)

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