Gewalt: Wie unsicher ist Wien?

Schießereien, Attacken mit Eisenstangen und einem Schnitzelklopfer - Vorfälle wie diese lassen an der Sicherheit in Wien zweifeln. Ein Kriminalsoziologe gibt Entwarnung.

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Archivbild – APA/HERBERT NEUBAUER

Wien. Ein 21-Jähriger, der zumindest acht Frauen brutal niederschlägt und ausraubt. Der die Opfer, darunter ein 13-jähriges Mädchen, unter anderem mit einer Eisenstange attackiert und schwer verletzt. Ein 88-Jähriger, der drei Frauen ohne ersichtlichen Grund angreift und anhand einer Tatwaffe, eines Schnitzelklopfers, überführt wird. Eine Schießerei zwischen Jugendlichen bei der Lugner-City. Ein 22-Jähriger, der ebenfalls im 15. Bezirk von einem Unbekannten angeschossen wurde. Eine Vergewaltigung beim Praterfest am 1. Mai und zuletzt ein Vergewaltigungsversuch am Alsergrund, der mit schweren Stichverletzungen der Männer, die die Frau attackiert haben sollen, endet.

Die Serie spektakulärer Gewaltverbrechen der vergangenen Wochen in Wien scheint nicht abzureißen. Selbst langjährige Ermittler sprachen zuletzt - im Zusammenhang mit dem Eisenstangenräuber - von einer bisher ungekannten Brutalität. Ist Wien zu einem Hort unzurechnungsfähiger Gewalttäter geworden? Und wie verändert diese Serie das subjektive Sicherheitsgefühl der Wiener?

„Wien wird nicht unsicherer"

Langfristig zeigen die Statistiken: Die Kriminalität sinkt in Wien. So, wie sie in sämtlichen westlichen Großstädten eher rückläufig ist (siehe Artikel rechts). Wien habe kein Kriminalitätsproblem, die Stadt werde nicht unsicherer, sagt Reinhard Kreissl, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Kriminalsoziologie. In Berlin oder Frankfurt etwa seien die Verbrechensraten deutlich höher. Aber angesichts der kleineren Fallzahlen in Wien würden Ausschläge nach oben freilich höher rezipiert. Serien wie zuletzt seien selten, passierten aber immer wieder. Und: Sie haben einen großen Einfluss auf das subjektive Sicherheitsgefühl der Wiener.

„Das ist aber eher eine kurzfristige Aufregung. Die eigentlichen Sorgen der Menschen sind andere", sagt Kreissl und verweist auf Umfragen, denen zufolge das persönliche Sicherheitsgefühl eher von wirtschaftlichen Fragen, der Stabilität der Finanzmärkte und der sozialen Situation abhänge. „Kriminalität ist keine so präsente Sorge."

Freilich sorgen gewisse Verbrechen besonders stark für ein Gefühl von Unsicherheit: Am stärksten sei der Effekt bei Einbrüchen, bei denen die Intimsphäre verletzt wird. „Dazu kommt die Angst vor Stereotypen wie dem schwarzen Mann, dem Überfall in U-Bahn-Nähe", sagt Kreissl. Spektakuläre Überfälle wie zuletzt bedienen die Angst vor Übergriffen durch Unbekannte. Auch wenn die reale Gefahr, Opfer eines solchen Verbrechens zu werden, gering ist. „Statistisch ist die Wahrscheinlichkeit, von jemandem schwer verletzt zu werden, hinter der eigenen Wohnungstür viel höher. Und wenn Sie fragen, wer in den vergangenen zwölf Monaten Opfer eines Verbrechens wurde oder eines miterlebt hat, sind das tatsächlich sehr wenige Menschen." Auch wenn das subjektive Gefühl der Wiener derzeit ein anderes ist. Aber diese Angst, ausgelöst durch Serien an Verbrechen, geht schnell vorbei. „So ein Hype dauert gewöhnlich ein bis zwei Monate", sagt Kreissl.

Die Lust am Grauen im Sessel

Der Hype wird freilich auch von Medien getragen. Kreissl spricht von Suitable Enemies, von Feindbildern, die eine Zeit lang gepusht werden: Einmal sind es afrikanische Drogenhändler, dann rumänische Bettler, dann wieder Einbrecher oder Räuberbanden. „Auch wenn Statistiken nach unten gehen, ein kleines Segment geht immer nach oben, das wird aufgegriffen." Aber die Konjunkturen laufen schnell, die Aufregung ist rasch vergessen.

Verbrechen aber sind im Alltag permanent präsent. „Crime sells", bei Boulevardblättern wie im TV. „Die Alltagskultur ist von Verbrechen stark durchtränkt. Das Grauen vom Lehnsessel aus zu betrachten ist verführerisch, es bedient die Angstlust, das ,Aufgeilen‘ an spektakulären realen wie fiktiven Fällen. Auch wenn das mit dem Alltag der Menschen wenig zu tun hat."

Und freilich wird Verbrechen politisch instrumentalisiert, auch die Polizei vermittle den Eindruck, die Welt werde gefährlicher. „Durch die Brille der Beamten ist das auch so, auch weil sich ihre Position ändert. Polizisten werden weniger als Autorität anerkannt", sagt Kreissl. Belastbare Indikatoren, dass das Leben in Wien gefährlicher werde, Verbrechen brutaler würden, gebe es aber nicht.
Die Gefahr, dass ganze Viertel zu Gefahrenzonen werden, sei auch gering. Aus dem Polizeimonitor, der tagesaktuellen Anzeigenstatistik, lasse sich das nicht ableiten. Wenngleich es in einigen Straßen - in denen Wettlokale, Handy-Shops und Stehkneipen eine spannungsgeladene Mischung ergeben - zu mehr Delikten kommt als anderswo.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 9. Mai 2014)

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