Stadtplanung: So kämpft Wien gegen Hitze

Mit Maßnahmen wie der Begrünung von Fassaden, mehr Wasserflächen und Fernkältezentralen soll die Stadt kühler werden.

(c) Stanislav Jenis

Wien. Das Phänomen ist nicht nur Stadtbewohnern hinlänglich bekannt. Weil dunkle Fassaden und Asphalt Wärme besonders stark absorbieren, kann es an Hitzetagen wie diesen in Großstädten bis zu sechs Grad wärmer sein als im Umland. Mit 70 verschiedenen Maßnahmen, wie etwa der Begrünung von Fassaden, mehr Wasserflächen und weniger Individualverkehr, will sich Wien künftig gegen die Hitze im Sommer wappnen.

In einem dreijährigen EU-Projekt untersuchten Wissenschaftler aus acht Städten „Strategien zur Minimierung des globalen Phänomens urbaner Hitzeinseln“. Aus 300 Optionen wurden für Wien 70 in erster Linie „untechnische“ Lösungen ausgewählt, die Kriterien waren hauptsächlich Wirksamkeit und Umsetzbarkeit, sagt Karin Büchl-Krammerstätter, Leiterin der Umweltschutzabteilung.

Hauptbahnhof: Blick ins Innere der Fernkältezentrale

So sollen etwa Alleebäume gesetzt werden und Kletterpflanzen Fassaden begrünen. Pflanzen spenden nicht nur Schatten, sondern kühlen auch die Luft, weil die Feuchtigkeit, die sie aufnehmen, verdampft. Zudem sollen (helle) Gehwege das Sonnenlicht stärker reflektieren und neue Wasserinseln in der Asphaltwüste entstehen. Bei der Stadtplanung werde man auch stärker berücksichtigen, dass Windschneisen offen bleiben.

Auch der Individualverkehr soll weniger werden, das Ziel ist eine Reduktion auf 20 Prozent bis ins Jahr 2025, sagt Erich Valentin (SPÖ), Gemeinderat und Vorsitzender des Umweltausschusses. Dies werde nicht durch repressive Maßnahmen geschehen, sondern „indem die Alternativen attraktiviert werden“. Dafür will man etwa den öffentlichen Verkehr weiter ausbauen und Fußwege schöner gestalten. Durch die Summe der Maßnahmen hofft man auf eine Reduktion der Temperaturen um mindestens zwei Grad.

Klimatisierung von Büros

Eine der größten Herausforderungen für Städte im Sommer ist zudem die Klimatisierung von großen Bürogebäuden und Krankenhäusern. Wien investiert in diesem Punkt seit einigen Jahren in die sogenannte Fernkälte.

„An Tagen mit 35 Grad plus haben wir die dreifache Kühlleistung im Vergleich zu durchschnittlichen Sommertemperaturen von 25 Grad“, sagt Wien-Energie-Sprecher Christian Ammer. Die Fernkältezentren – im Grunde riesige Kühlschränke – fahren erst ab 18 Grad Außentemperatur hoch (außer bei Gebäuden mit Rechenzentren und Serveranlagen, die das ganze Jahr über gekühlt werden müssen).

Bei der Fernkälte verwenden sogenannte Absorptionskältemaschinen Abwärme, wie sie beispielsweise in der Müllverbrennungsanlage Spittelau entsteht, als Antriebsenergie für Kühlgeräte. Diese Kälteenergie wird dann in Form von kaltem Wasser (sieben Grad) über ein Rohrleitungsnetz zu den Kunden gepumpt und verlässt das Gebäude wieder mit 17 Grad. Fernkälte ist deutlich energiesparender und umweltschonender als Klimaanlagen. Private haben davon aber nichts, für Wohnhäuser sind derzeit keine Fernkälteprojekte geplant, weil die meisten von ihnen kein Lüftungssystem haben.

Die erste Kältezentrale Wiens ging 2009 in Spittelau ans Netz. Diese versorgt unter anderem das AKH, den Radiosender Ö3 und die Universität für Bodenkultur. Mittlerweile ist eine Reihe von Kältezentralen in der ganzen Stadt in Betrieb, die jüngste wurde im Frühjahr am Schottenring eröffnet. Die gesamte Fernkälteleistung beträgt 65 Megawatt. Das entspricht einer Kühlleistung von mehr als 400.000 Kühlschränken. Bis 2020 soll auf 200 Megawatt ausgebaut werden.

Großabnehmer setzen immer stärker auf die Alternative zur Klimaanlage. Gas- und Wärmeversorgungsunternehmen schätzen, dass sich der Markt für Fernkälte bis 2018 mehr als verdreifachen wird.

In der Fertigstellung befindet sich gerade die Fernkältezentrale auf dem Hauptbahnhof. Sie hat in der ersten Ausbaustufe eine Kälteleistung von 20 Megawatt. Damit kann eine Fläche von 400.000 Quadratmetern klimatisiert werden. Die Zentrale dient der Versorgung des neuen Hauptbahnhofs und den dortigen Großkunden wie Geschäften, Bürogebäuden, Hotels und dem Erste-Bank-Campus.

AUF EINEN BLICK

Maßnahmen. In einem dreijährigen EU-Projekt untersuchten Wissenschaftler aus acht europäischen Städten „Strategien zur Minimierung des globalen Phänomens urbaner Hitzeinseln“. Aus 300 Optionen wurden für Wien 70 Lösungen wie etwa die Begrünung von Fassaden, mehr Wasserflächen und weniger Individualverkehr gewählt. Was die Klimatisierung von großen Bürogebäuden und Krankenhäusern angeht, setzt Wien immer stärker auf Fernkälte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2014)

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