Was macht ein Ministaat mitten im Prater?

Seit mehr als 30 Jahren gibt es in Wiens größtem Vergnügungspark die "exterritoriale Republik Kugelmugel": ein Kunstwerk, konfuses politisches Manifest – und ein Dauerkuriosum.

Exterritoriale Republik Kugelmugel
Exterritoriale Republik Kugelmugel
Exterritoriale Republik Kugelmugel – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Tausende Touristen ziehen jeden Tag durch den Wiener Prater, auch jetzt bei den sommerlichen Temperaturen. Angesichts der großen Attraktionen übersehen viele eine kleine braune Holzkugel, die etwas abgelegen hinter dem Riesenrad nahe der Hauptallee beim Sturmboot und der Liliputbahn liegt: Zwei große Anzeigetafeln informieren, dass sich hier die Republik Kugelmugel befindet. Ein Kleinstaat, mitten in Wien? Die meisten Besucher können mit den Infos auf den Anzeigetafeln nicht viel anfangen. Darauf wird vom großen „Revolutionsführer“ Lipburger berichtet, von Politskandal und Korruption in Wien, gefolgt von Attacken auf Ex-Bürgermeister Helmut Zilk und den jetzigen Amtsinhaber Michael Häupl. Ist es eine Praterattraktion? Ein Kunstwerk? Eine wilde politische Manifestation?

Es ist zweifelsohne ein Wiener Kuriosum. Der – natürlich von niemandem anerkannte – Mikrostaat Kugelmugel ist etwa 100 Quadratmeter groß, seinen Mittelpunkt bildet eine Kugel mit einem Durchmesser von acht Metern. Umgeben ist die „Republik“ von einem hohen Zaun mit Stacheldraht; sogar ein „Grenzübergang“ ist eingebaut.

Rückblende zur „Staatswerdung“: Der 1928 in Vorarlberg geborene Künstler Edwin Lipburger erbaute in den 1970er-Jahren in Katzelsdorf in Niederösterreich ein Kugelhaus, weil ihn Kugeln als Wohnbauform schon immer fasziniert hatten. Doch für die Behörden war es keine Kunst, sondern ein Bauwerk, das keine Bauvorschriften erfüllte. Und so wurde es verboten.

In Wien regierte damals als Kulturstadtrat der aufgeschlossene und sicher nicht publicityscheue Helmut Zilk, der 1984 dann Bürgermeister der Donaumetropole werden sollte. Er gewährte der Kugel und seinem Künstler „Asyl“. Damit er sich keinen Gesetzen unterwerfen muss, schuf Lipburger auch eine eigene Republik und gab sogar Pässe aus. 600 an der Zahl. Der Platz davor wurde mittels Straßenschildes als „Antifaschismusplatz“ bezeichnet. Natürlich ist es kein offizielles Schild, sondern ein Kunstwerk, heißt es im Rathaus, denn den Platz gibt es in keinem Wiener Straßenverzeichnis.


Alle Klagen gescheitert. Der Friede mit der Stadt währte aber nur kurz. Denn Zilk sah das Kunstwerk als ein temporäres an und gewährte keinen Wasser- und Stromanschluss. Das war für den Künstler ein „feindlicher Akt“, er ging vor Gericht, versuchte das Verfahren auf oberste Ebenen zu heben – und auch Zilks Nachfolger Michael Häupl wurde noch 2008 geklagt. Ergebnis: keines. Alles sei zurückgelegt worden, heißt es heute im Bürgermeisterbüro.

Das Gebäude steht auf einem Grund der Stadt Wien, bei dem es sich nach Auskunft des Bauressorts um ein Superädifikat handelt, also ein Bauwerk, das auf einem fremden Grund errichtet wurde. Nach anfänglichen Debatten über das ungewöhnliche Ding regt der „Staat im Staat“ heute niemanden mehr auf. „Es ist halt da, so wie ein Museum“, sagt ein Praterunternehmer.

Die politischen Aussagen auf den Tafeln bleiben aber bis heute verwirrend. Lipburger selbst hat sich zwischenzeitlich auch für die „Partei der Nichtwähler“ engagiert, wie auf einer anderen Infotafel verkündet wird. Und auf dem Auto des Künstlers, das bei seiner Wohnung in Penzing steht, prangt immer noch groß die Aufschrift: „Staat im Staat. Kugelmugel. Exterritorial.“

Als sich jüngst im Waldviertel auf einem Bauernhof eine größere Gruppe von Menschen zusammenfand, sich One People's Public Trust nannte und gegen die Staatsstrukturen wetterte, die sie nicht anerkennen wollte, flammte auch kurz eine Debatte über einen anderen unbeugsamen „Staat“ innerhalb Österreichs auf: die Republik Kugelmugel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2014)

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