Gutiérrez-Lobos: „Wir haben keinen Ärztemangel“

Trotz aller Unkenrufe: Österreich hat weiterhin eine hohe Ärztedichte – aber strukturelle Probleme, die eine Abwanderung von Medizinern auslösen.

Karin Gutiérrez-Lobos, stellvertretende Rektorin an der Medizinuniversität Wien
Karin Gutiérrez-Lobos, stellvertretende Rektorin an der Medizinuniversität Wien
Karin Gutiérrez-Lobos, stellvertretende Rektorin an der Medizinuniversität Wien – (c) Die Presse (Eva Rauer)

Wien. Die Hinweise auf einen drohenden Ärztemangel verdichten sich: In Wien, wo Medizinabsolventen oft jahrelang auf einen Turnusplatz warten mussten, werden sich bald nicht einmal mehr alle Turnusplätze besetzen lassen. Landgemeinden tun sich immer schwerer, Kassenstellen nachzubesetzen. Und wenn Kliniken eine Facharztstelle ausschreiben, müssen sie oft schon froh sein, einen einzigen geeigneten Bewerber zu finden. Folgen dieser Entwicklung zeigen sich bereits in Einzelfällen: Das Landesklinikum Baden hat die Unfallabteilung für frisch verletzte Patienten geschlossen. Und das steirische Krankenhaus Mariazell kann an zwei Tagen in der Woche keinen kompletten Ambulanzdienst mehr anbieten.

Alles deutet darauf hin, dass sich die Situation verschärfen wird. Denn bei den Landärzten steht die große Wachablöse bevor: Jeder zweite wird in den nächsten zehn Jahren in Pension gehen. Die Krankenhäuser wiederum müssen aufgrund von EU-Vorgaben die Arbeitszeiten ändern und die 24-Stunden-Schichten abschaffen – und könnten damit bald einen höheren Bedarf an Ärzten haben. Zudem ist eine Abwanderung ins deutschsprachige Ausland attraktiv: Jungärzte erwartet ein höheres Gehalt und kürzere Ausbildungszeiten. Und erfahrene Mediziner werden zum Teil schon gezielt von Headhuntern angesprochen, die ihnen angesichts des Ärztemangels in Deutschland eine Übersiedlung schmackhaft machen wollen.

Müsste angesichts dieser Umstände nicht schon längst die Zahl der Studienplätze angehoben werden, um auch in Zukunft genügend Mediziner zu haben? Nein, sagt Karin Gutiérrez-Lobos, stellvertretende Rektorin an der Medizinuniversität Wien und dort für die Lehre zuständig. Die objektiven Zahlen würden nämlich keineswegs auf einen Ärztemangel hinweisen: Österreich sei eines der Länder mit der höchsten Ärztedichte weltweit. Und: Bei den Absolventen liegen wir im OECD-Vergleich sogar an der Spitze. Pro 100.000 Einwohner schließen jährlich 19,9 ein Medizinstudium ab. Der OECD-Schnitt liegt bei 10,6, in den USA etwa sind es nur sechs.

 

Zu viele Fachärzte in der Stadt

„Wir haben keinen Ärztemangel, wir haben ein Verteilungsproblem“, sagt Gutiérrez-Lobos. Sprich: Zu wenige Absolventen des Medizinstudiums wollen aufs Land ziehen und zu viele streben eine Ausbildung als Facharzt an. Eine Entwicklung, die man in ganz Europa beobachten könne. Die Abwanderung ins Ausland könnte ein tatsächliches Problem sein. „Genau wissen wir aber auch das nicht, wir hören immer nur Einzelfallgeschichten“, sagt Gutiérrez-Lobos. Die Medizin-Uni Wien arbeitet an einer Studie, die zeigen soll, wie es tatsächlich um die Abwanderung aussieht – und wie viele deutsche Studenten zurückgehen. Die Ergebnisse sollen in einigen Monaten vorliegen.

Ausgelöst werde die Abwanderung jedenfalls durch strukturelle Probleme – und die würden sich auch lösen lassen. Da geht es zunächst einmal um die Länge der Ausbildung: In Deutschland gelten Absolventen sofort als ausgebildete Mediziner, in Österreich müssen sie erst einen dreijährigen Turnus absolvieren. Wer Facharzt werden will, benötigt weitere sechs Jahre Ausbildung. Kein Wunder, dass viele den kürzeren Weg ins Ausland suchen. Gesundheitsminister Stöger will zwar mit seiner Reform der Medizinerausbildung auch in Österreich die Zeiten verkürzen – „aber das könnte man noch weiter straffen“, meint Gutiérrez-Lobos.

Gefordert seien auch die Krankenhausträger: Die Bedingungen für Spitalsärzte gehörten verbessert – und da gehe es nicht nur um die Bezahlung. Flachere Hierarchien („Spitäler sind immer noch ein wenig paramilitärisch organisiert“) und die Entlastung von administrativen Arbeiten würden den Beruf schon attraktiver machen. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein Thema: Flexiblere Arbeitszeiten und Kinderbetreuung rund um die Uhr könnten helfen.

Zentrales Thema sind die Nachtdienste: Diese könnte man anders organisieren – etwa mit verstärktem Einsatz von Rufbereitschaft, so Gutiérrez-Lobos. Allerdings wehren sich viele Ärzte gegen eine derartige Umstellung, weil bei den derzeitigen Gehältern in den Spitälern gutes Einkommen nur mit vielen Überstunden erzielbar ist. Die sorgen aber wiederum dafür, dass der Beruf des Spitalsarztes extrem belastend ist.

Die Vizerektorin hält daher eine organisatorische Umstellung bei gleichzeitiger deutlicher Anhebung der Basisgehälter für notwendig: „In Summe muss das gar nicht teurer sein.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2014)

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