Glücksspiellokale: Automatensterben als Chance

Nach und nach schließen die alten Spielspelunken. Und das könnte zu einer Chance für Wiens verkommene Gegenden werden. Zum Beispiel für die Reinprechtsdorfer Straße.

Wolf Jurjan
Wolf Jurjan
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Sie ist zweifellos eine der tristeren Gegenden Wiens. Verwaiste Automaten-Kabäuschen, Wettlokale, Banken mit Security-Mann vor der Tür reihen sich da an An-und Verkauf-Läden und leer stehende Lokale. Mit mehr als 80 Spielautomaten (Stand Ende 2014) war die Reinprechtsdorfer Straße jene mit der höchsten Automatendichte der Stadt. War. Denn seit Jahresanfang, seit das De-facto-Verbot des Kleinen Glücksspiels in Kraft ist, tut sich etwas. Die Türen zu den Automatenkabinen sind versperrt. Ein Spiellokal hat überhaupt geschlossen, durch die verdunkelte Scheibe sieht man noch die alten Automaten. Sie stehen in Plastik gewickelt in einer Ecke, fertig zum Abtransport.

Wie in den anderen Glücksspielmeilen wird auch in der Reinprechtsdorfer Straße in den kommenden Monaten Spiellokal um Spiellokal schließen – das erwarten sowohl Automatenverband als auch die Wirtschaftskammer. Die zahlreichen Lokale, die damit frei werden, als Chance für Gegenden, die eine Aufwertung dringend brauchen könnten? Das hofft jedenfalls Wolf Jurjans von der „Republik Reinprechtsdorf“. Die „Republik“ ist eine Bürgerinitiative, die 2012 gegründet wurde, als dort noch ein Spiellokal ums aufgemacht hat. Seither haben Anrainer mit Festen und Aktionen versucht, ihr Grätzel aufzuwerten.

(c) Die Presse
 

Platz gebe es, Investoren nicht

Nun dürfte Schwung in die Sache kommen. Der Bezirk hat ein Bürgerbeteiligungsverfahren initiiert, bei dem Interessierte Vorschläge sammeln: Es gehe um den Branchenmix, den sich Anrainer wünschen, um Vorschläge, wie man leere Lokale für Pop-ups oder den Kulturbetrieb nutzen könnte, gerade an Galerien herrsche großer Bedarf in der Gegend. Auch ein sozialer Treffpunkt oder ein Sozialmarkt seien angedacht. „Platz wäre hier ja genug“, sagt Jurjans und spricht damit die schon jetzt zahlreichen Leerstände an.

Und freilich geht es darum, wie Stadt und Bezirk mitwirken könnten, denn bisher hält sich das Interesse von Investoren in Grenzen. Haben das Kleine Glücksspiel und seine Begleiterscheinungen – Beschaffungskriminalität, Prostitution, Verarmung – den Ruf des Grätzels doch geprägt. Noch gibt es keinen klaren Plan, wie man diese zusätzlichen Leerstände nutzen könnte. Dabei würden Leerstände in Wien ohnedies nicht weniger, wie Irmgard Almer von der IG Kultur betont. Die IG schlägt etwa vor, die Hürden für eine neue Nutzung abzubauen: Mit einer einfacheren Umwidmung oder geringeren Auflagen für die Neuvermietung. Bisher sei es für Hausbesitzer oft einfacher, ein Lokal ungenützt zu lassen, Leerstand werde in Wien quasi belohnt. Unterstützen könnte die Geschäftsstraßen etwa die Wiener Wirtschaftsagentur, die seit 2014 jährlich 400.000 Euro als Geschäftsgebietsförderung vergeben kann – bis zu 90.000 Euro an Einzelprojekte. Allerdings, um Geschäftsstraßen zu beleben, brauche es mehr als Straßenfeste, wie Ursula Kainz von der Wirtschaftsagentur betont. Sie erzählt von einer erfolgreichen Initiative einer aufgewerteten Straße: „Einfach 15“ in der Reindorfgasse im 15.Bezirk, bei der sich unter Führung der IG Kaufleute Reindorfgasse Geschäftsleute, Kunstschaffende, Bewohner und Gebietsbetreuung zusammengetan haben, um Geschäfte zu reaktivieren und Kunst und Kultur mit der lokalen Wirtschaft zu verbinden.

 

Noch ist wenig zu sehen

Pläne, die ähnlich klingen wie die der „Republik“ – auch, wenn in Reinprechtsdorf von jungen Kreativen, Lokalen, Shops, den Vorboten einer Aufwertung, noch nichts zu sehen ist. Aber „seit 2012 ist wirklich etwas weitergegangen“, sagt Jurjans. Er spricht von einer „schleichenden Entwicklung“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2015)

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