Gesundheit: Anfang vom Ende des Hausarztes?

Am 1. April eröffnete in Wien Österreichs erstes Primärversorgungszentrum. Politiker glauben an eine kleine Revolution. Kritiker befürchten Nachteile für bestehende Ordinationen.

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Wien. Durchbruch. Revolution. Wegweiser. Politiker und Kassenvertreter sparen nicht mit Superlativen, wenn künftig – so die Hoffnung – die Patienten nicht mehr in überfüllten Spitalsambulanzen oder vor verschlossenen Ordinationstüren stehen, sondern Montag bis Freitag von früh bis spät ein sogenanntes Primärversorgungszentrum aufsuchen. Ohne vorherige Terminvereinbarung.

Mit 1. April ging in Wien-Mariahilf das erste dieser Art in Betrieb. Im Laufe des Jahres soll ein zweites in der Nähe des SMZ Ost folgen. Allein: Ganz ohne Kritik kommen die beiden Pilotversuche, die insbesondere der rote Teil der Wiener Stadtregierung rechtzeitig zu den Wahlen im Oktober den Bürgern als Innovation verkaufen will, dann nicht aus. Primärversorgungszentren, das glaubt jedenfalls der Österreichische Hausärzteverband (ÖHV), seien der Anfang vom Ende der vertrauten Ordinationen.

Untermauert wird diese Einschätzung nun mit einer Studie des Linzer Medizinrechtlers Alfred Radner. Die Kernaussage seiner 30Seiten starken Analyse lautet: Primärversorgungszentren agieren im rechtsfreien Raum, sind ihrem Wesen nach keine Ordinationen, sondern Krankenanstalten, verzerren den Wettbewerb und erhalten kassenvertragswidrige Honorarzuschläge. Das sind starke Worte. Warum sie ausgerechnet von den Hausärzten kommen?

 

Wettbewerbsverzerrung?

Weil ein Teil ihrer Vertreter den eigenen Berufsstand, oder präziser, das traditionelle Patienten- und Geschäftsmodell des Berufsstandes, durch die neuen Zentren gefährdet sieht.

Zumindest 50 Stunden Öffnungszeit pro Woche inklusive der Möglichkeit für Patienten, unangekündigt zu erscheinen, sind ein verlockendes Angebot. Allgemeinmediziner, die alleine eine Ordination betreiben, können das schlichtweg nicht anbieten. Zudem werden in Primärversorgungszentren gleich mehrere Gesundheitsberufe mit den teilhabenden Medizinern vernetzt: Pfleger, Therapeuten zahlreicher Fächer, ja sogar Sozialarbeiter sind mit dabei. Alles in allem, so lautet die Vorstellung von Gesundheitspolitikern und Vertretern von Kammern und Kassen, würden dadurch teure und überfüllte Spitalsambulanzen entlastet, gleichzeitig Angebote geschaffen, die so noch nicht vorhanden seien.

Zum Leidwesen der traditionellen Hausarztpraxen. Nicht nur, dass die Einzelkämpfer in den Ordinationen beim Angebot nicht mithalten können. Auch fühlen sie sich finanziell benachteiligt. Tatsächlich schütten die Stadt Wien und die Gebietskrankenkasse für die zwei Pilotprojekte 2,4 Millionen Euro an Förderungen aus, also mehr als 200.000 Euro pro Jahr und Praxis. „Das ist unserer Auffassung nach eindeutig Wettbewerbsverzerrung“, sagt ÖHV-Sprecher Wolfgang Geppert.

 

Zusätzliches Angebot

Das kann man jedoch auch anders sehen. Zusätzlich zu den längeren Öffnungszeiten müssen Primärversorgungszentren gewisse Mindeststärken an Personal anbieten, Mitarbeiter und Ärzte verpflichtend weiterbilden und Gesundheits- und Präventionsprogramme anbieten. Das, so sehen es die finanzierenden Kassen, rechtfertige auch die zusätzlichen Zahlungen. Die medizinischen Leistungen an sich werden ganz normal über den ärztlichen Honorarkatalog abgerechnet – wie bei niedergelassenen Ärzten auch.

Ein weiteres Indiz dafür, dass das Primärversorgungsmodell – oft ist auch von Primary Health Care (PHC) die Rede – für Mediziner nicht überbordend attraktiv ist, ist die geringe Nachfrage möglicher Betreiber am zweiten Standort. Während das Zentrum in Mariahilf schon länger als Gruppenpraxis läuft, seit April offiziell Primärversorger ist und mit 18. Mai den neuen, nahegelegenen Standort bezieht, finden sich für das PHC-Projekt beim SMZ Ost bisher keine Interessenten. Warum?

Bei der Wiener Ärztekammer glaubt man, dass potenzielle Gesellschafter solcher Zentren deshalb zögern, weil es bisher keine Erfahrungen zur Wirtschaftlichkeit gibt. Trotz der Förderungen.

LEXIKON

Primärversorgungszentren, häufig auch Primary Health Care, kurz PHC, genannt, sind vereinfacht gesagt Gruppenpraxen mit erweiterten Angeboten und Pflichten. Neben Ärzten sind dort zum Beispiel auch Pfleger oder andere Gesundheitsdienstleister (z.B. Physiotherapeuten) tätig. Solche Zentren sollen Spitalsambulanzen entlasten. In Wien entstand das erste in Österreich. Ein zweites soll folgen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2015)

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