Neuerfindung eines Grätzels: Vom Aufblühen der Reindorfgasse

15.Bezirk. Arm, aber sexy? Wie die Reindorfgasse plötzlich hip geworden ist – oder zumindest auf dem Weg dorthin ist.

 (Die Presse)

Wien. Als Kurt Tanner 2010 in die Reindorfgasse gekommen ist, da war das Grätzel hinter dem Westbahnhof alles andere als schick. Eher eine Schmuddelecke aus nahem Straßenstrich, Leerstand und heruntergekommenen Straßenzügen. Heute ist das Viertel um die Reindorfgasse eine der jungen, aufstrebenden Gegenden. Die Reindorfgasse ist eine Gasse, in der sich allein in den vergangenen anderthalb Jahren der Leerstand massiv reduziert hat – in zwölf zuvor leere Gassenlokale sind junge Betriebe eingezogen. Heute reiht sich dort eine Fotogalerie an eine Fahrrad-Boutique, die zugleich Streetwear-Modeladen und Café ist, an Kulturvereine, einen Upcycling-Laden oder ein Architekturbüro.

Kurt Tanner ist der Pionier der Gasse, erst hat er hier ein Industriedesign-Büro eröffnet, 2004 ist Urban Tool hier entstanden, mittlerweile verkauft er die multifunktionalen Taschen aus dem 15. in alle Welt. Und er beobachtet, wie auch das Grätzel auflebt. „Wir sind noch kein hippes Viertel, wir sind noch immer sehr am Anfang. Aber wir werden mittlerweile wahrgenommen, und die Resonanz ist sehr positiv“, sagt er.

Der Aufschwung der Reindorfgasse ist vor allem der Initiative der Ansässigen zu verdanken. Wohl hat es auch geholfen, dass der Straßenstrich ab 2012 weggekommen ist und die Mieten im Vergleich zur nahen Mariahilfer Straße noch sehr günstig sind – aber so richtig in Schwung gekommen ist die Belebung mit der Initiative „Einfach 15“. Angedacht, so erzählt deren Initiator Tanner, habe man diese 2013, ein Konzept dafür ist 2014 entstanden – dieses Konzept hat auch die Wiener Wirtschaftsagentur überzeugt, somit hat die Initiative 2014 die Zusage einer Geschäftsgebietförderung von 90.000 Euro über drei Jahre erhalten.

In Kooperation mit dem Verein IG Kaufleute Reindorf arbeiten in der Initiative heute klassische Kaufleute, Künstler, Unternehmer und Bewohner zusammen. „Die Zeit war einfach reif“, sagt er, und so sei es auch nicht schwer gewesen, die ansässigen Kaufleute davon zu überzeugen, die Reindorfgasse neu zu positionieren. Und deren Entwicklung strahlt mittlerweile über die Gasse hinaus: Auch am nahen Schwendermarkt machen derzeit neue Stände auf, am Sparkassenplatz ist ein neues Lokal geplant. Im gesamten Grätzel, so erzählt Tanner, seien heute 40 Anrainer – Unternehmer, Kulturschaffende bis Bewohner – aktiv an der Initiative beteiligt. Direkt aus der Reindorfgasse stammen etwa zehn davon.


„Stehen erst am Anfang“

„Natürlich drängen alle jetzt in die Reindorfgasse, eine Quergasse weiter ist es schon schwieriger, ein leer stehendes Lokal loszukriegen. Aber das Potenzial ist noch ziemlich groß, es gibt noch viel, was man hier tun könnte. Wir stehen erst ganz am Anfang“, sagt Tanner. c

Auf einen Blick

Als Kurt Tanner 2010 in die Reindorfgasse gekommen ist, galt diese eher als Schmuddeleck. 2004 hat er hier das Funktionstaschen-Label Urban Tool gegründet. Mittlerweile hat sich ringsum ein junges Kreativ-Grätzel entwickelt. Geschäftsleute, Künstler und Anrainer organisieren sich in der Initiative „Einfach 15“ – und diese strahlt mittlerweile auch über die Gasse hinaus aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2015)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Neuerfindung eines Grätzels: Vom Aufblühen der Reindorfgasse

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.