„Der Bürger der Zukunft wird weniger jammern und mehr gestalten“

Stadtentwicklung. Zukunftsforscher Matthias Horx über die neue Stadt und die Menschen, die in ihr leben werden.

 (Die Presse)

Die Presse: Woher kommt es, dass Städter plötzlich ihr eigenes Gemüse anbauen wollen?

Matthias Horx: Je digitaler und globaler unsere Welt wird, desto mehr sehnen sich die Menschen nach dem Konkreten, dem Regionalen, dem Authentischen. Eigenes Gemüse zu ziehen ist ein großer sinnlicher Genuss und inzwischen sogar ein Statussymbol: „Die Paradeiser stammen aus meinem eigenen Garten“ – das heißt, dass man sich sowohl ein Stück Land leisten kann als auch, dass man die Zeit hat, sich um Pflanzen zu kümmern. Der Biotrend und die Angst vor Giftstoffen in Nahrungsmitteln spielen natürlich auch eine Rolle. Urban Gardening ist ein Aufstand gegen eine Industriemoderne, die uns Nahrung nur noch in Form von Vorgekochtem zur Verfügung stellt, dessen Inhaltsstoffe wir nicht mehr kennen und schmecken können.

Wieso besinnt man sich gerade so stark auf Lokales in der Stadt – auf das eigene Viertel, den eigenen Wohnblock?

Je unübersichtlicher die Welt wird, desto mehr brauchen wir einen überschaubaren Lebens- und Handlungsraum. Menschen sind nun einmal Lokalisten. Die soziale Evolutionsforschung weist nach, dass wir an einen Kreis von maximal 90 bis 120 Menschen gebunden sind. Zu mehr Menschen können wir keinen tiefen Kontakt aufbauen. Deshalb sind wir eigentlich Dörfler, auch wenn wir in der Stadt wohnen.

Wird die Stadt also bald zum Land?

In Form des Grätzels hat sich ja längst das Dorf in der Stadt entwickelt: Wieso nicht die Vorteile der Stadt – das kulturelle Angebot, die Vielfalt – mit der Geborgenheit des Dorfes kombinieren? Aber dabei kann es nicht bleiben, denn dieses Grätzel-Glück tendiert auch zur Abschottung, zur Erstarrung.

Dabei entwickeln sich gleichzeitig Dinge wie die Share Economy.

Wir stehen erst am Anfang einer Suche nach neuer Lebensqualität. Das hat auch mit Entmaterialisierung zu tun: Die vielen Gegenstände, die wir mit uns herumschleppen, nerven mehr, als sie unser Glück fördern. Deshalb entwickeln sich neue Formen gemeinschaftlicher Nutzung. Das reicht von Gemeinschaftsgärten über Tauschbörsen und Carsharing bis hin zu neuen Siedlungsgenossenschaften. Wir gehen davon aus, dass wir in zehn Jahren nur noch die Hälfte der Dinge unseres Lebens kaufen werden. Meine Familie zum Beispiel least bereits ihre Bio-Jeans.

Welchen Weg nimmt die Stadt dabei?

Die Stadt gibt es nicht. Nairobi unterscheidet sich von Peking, und Peking lässt sich nicht so einfach mit Linz vergleichen. Aber in den westlich-pluralistisch geprägten Städten entwickelt sich erfreulicherweise das, was wir New Urbanism, den neuen Urbanismus, nennen: Die Stadt wird als Lebensraum wiederentdeckt. Der Autoverkehr zieht sich aus den Wohnvierteln zurück, das macht wieder Platz für öffentliche Räume, in denen sich Menschen begegnen können. Kopenhagen etwa hat die lebendigsten Stadtteile, baut seine Industrieanlagen zu Lebensarealen um – natürlich alles ökologisch, zunehmend CO2-frei und mit integrierten Altersheimen.

Und welchen Weg nimmt Wien?

Wien ist im Prinzip eine New-Urbanism-Stadt. Das kulturelle Angebot ist enorm, es gibt viele spannende neue Bauprojekte. Das Museumsquartier ist ein gutes Beispiel für neue vitale öffentliche Räume. Es fehlt manchmal noch ein bisschen der konzeptionelle Mut und die systemische Erfahrung, die man in den Stadtplanungsämtern von Amsterdam oder Kopenhagen hat.

Warum muss die Stadtpolitik aber ihren Bürgern dann so zukunftsträchtige Maßnahmen vorschreiben – wie etwa eine Regulierung des Individualverkehrs?

Der neue Urbanismus ist etwas, was nicht über Nacht vom Himmel fällt. Er bedingt zum Beispiel, dass wir mit dem Auto, das unsere Lebensräume zerfurcht und zersiedelt hat, intelligenter umgehen. Wenn alle täglich in die Stadt fahren, sinkt die Lebensqualität für Autofahrer wie für Stadtbewohner. Das Resultat sind die toten Städte Amerikas und die Zerstörung des öffentlichen Raumes durch parkende Blechkarawanen. Wir werden das Auto in Zukunft eher wie unsere Schwiegermutter behandeln müssen: Man muss sie nicht mögen, aber mit ihr auskommen...

Wie wird der Bürger der Zukunft seine Stadt prägen?

Er wird, so lässt sich hoffen, weniger jammern und mehr gestalten. Dafür brauchen wir neue Sozialtechniken, neue Mitbestimmungsmodelle. Städte sind ja immer dann lebenswert und attraktiv, wenn ihre Bewohner vielfältig und gleichzeitig kooperationsfähig sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2015)

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