Bezirke: Die "Swing States" der Wien-Wahl

Der 11. Oktober könnte bis zu acht Bezirke politisch umfärben - von Ursula Stenzels Erstem bis zu den "Döblinger Regimentern", die der Inbegriff des Bürgertums und eine der letzten schwarzen Bastionen in der Bundeshauptstadt sind.

Wien. Der 11.Oktober wird Umwälzungen bringen. Zumindest, wenn es nach übereinstimmenden aktuellen Umfragen geht. Die FPÖ liefert sich beinahe schon ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der SPÖ um Platz eins – mit offenem Ausgang. Und auf Bezirksebene wird es ebenfalls große Veränderungen geben. Die Zahl der hart umkämpften Battleground-Bezirke ist im Vergleich zu 2010 deutlich gestiegen, nachdem der SPÖ Verluste bis zu zehn Prozentpunkte vorhergesagt worden sind. Damit könnten einige Bezirke am 11.Oktober in anderen Farben leuchten als bisher. Ein Überblick.

•Innere Stadt. Das spannendste Ergebnis, weil völlig unkalkulierbar, wird im ersten Bezirk erwartet. 2010 hatte die ÖVP (trotz schwerer Verluste) mit 38Prozent zwar einen komfortablen Vorsprung auf SPÖ und Grüne. Nachdem die prominente ÖVP-Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel zur FPÖ übergelaufen ist, erscheint aber alles anders. Die ÖVP erwartet massive Verluste, zusätzlich bedingt durch das erstmalige Antreten der Neos, die von Gregor Raidl angeführt werden. Er ist der Sohn von Claus Raidl, Exberater von Wolfgang Schüssel. Damit liefern sich vier Parteien ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Posten des Bezirkschefs: Stenzel auf dem FPÖ-Ticket, die ÖVP mit Markus Figl (Großneffe von Leopold Figl), die SPÖ, die 2010 trotz starker Verluste auf Platz zwei gekommen ist. Und schließlich die Grünen, die sich im Ersten als junge Bürgerliche geben und laut Umfragen derzeit vorn sind. Beeinflusst wird dieser Vierkampf vom unkalkulierbaren Abschneiden der bürgerlichen Protestliste Wir, die 2010 auf 6,6 Prozent gekommen ist.

•Wieden. Der vierte Bezirk ist seit jeher ein Kampfbezirk, in dem es auf jede einzelne Stimme ankommt. 2010 siegte die SPÖ mit einem Vorsprung von fünf(!) Stimmen Vorsprung vor den Grünen. Auf Platz drei folgte die ÖVP, 14 Stimmen hinter der SPÖ. Die Wieden wurde erstmals rot, das Ergebnis am 11.Oktober ist aufgrund der knappen Abstände völlig unkalkulierbar.

•Mariahilf. Die SPÖ hat mit der weit links ausgerichteten Bezirkschefin, Renate Kaufmann, 2010 einen komfortablen Abstand (fast zehn Prozentpunkte) zu den Grünen erreicht. Ein Fragezeichen ist die neue Mariahilfer Straße – sie gefällt laut Befragungen den Anrainern äußerst gut. Das könnte viele motivieren, diesmal Grün statt Rot zu wählen. Wobei die SPÖ zusätzlich mit Markus Rumelhart antritt, der nicht so bekannt wie seine Vorgängerin, Kaufmann, ist. Er fährt (zur Absicherung der SPÖ-Mehrheit) aber ebenfalls einen dezidierten Kurs links von den Grünen.

•Josefstadt. Nach einer Parteispaltung verloren die Grünen 2010 acht Prozentpunkte und damit den Bezirksvorsteher. Seither regiert dort wieder die ÖVP. Ob das so bleibt, ist völlig offen. Die Grünen haben sich zwar von ihrer Parteispaltung erholt, während die SPÖ 2010 nur knapp hinter Grünen und ÖVP lag. Aber die Grün-Abspaltung Echt, die 2010 fast zwölf Prozent erreicht hat, tritt wieder an. Die Gruppierung rund um den Ex-Grün-Bezirksvorsteher Heribert Rahdjian könnte den Grünen wieder einige Stimmen abnehmen. Die Neos hingegen könnten die ÖVP einige Stimmen kosten. Deshalb ist völlig unkalkulierbar, in welcher Farbe der Bezirk am 11.Oktober erstrahlen wird.

•Alsergrund. SPÖ und Grüne liegen dort im neunten Bezirk nur knapp auseinander – 2010 waren es nur 3,6 Prozentpunkte. Wobei die SPÖ am Alsergrund als Abwehrmaßnahme eine grünere Linie als die Grünen fährt – dort ist auch Heimat des roten Thinktanks Sektion8. Die offene Frage: Wie sehr beeinflusst die Aufregung um das neue Drogenberatungszentrum im Bezirk die Wahl?

•Simmering. 2010 fuhr die SPÖ in der roten Hochburg ein Minus von fast zwölf Prozentpunkten ein. Sie liegt seitdem 15 Prozentpunkte vor der FPÖ, die 2010 um 16 Prozentpunkte zulegen konnte. Passiert am 11.Oktober noch einmal ein derartiger Erdrutsch, könnte Simmering als erster Bezirk Wiens einen blauen Bezirkschef bekommen.

•Währing. Bereits bei der Bezirksvertretungswahl 2010 trennten ÖVP, SPÖ und Grüne nur mehr wenige Prozentpunkte. Wobei die drittplatzierten Grünen im Aufwind waren, ÖVP und SPÖ Verluste hinnehmen mussten. Mit diesem Trend gibt es auch in Währing ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Entscheidend wird sein, wem die Neos mehr Stimmen abnehmen: der ÖVP oder den Grünen. Oder beiden gleich viele, wodurch die SPÖ profitieren könnte.

Döbling. Die Döblinger Regimenter (also der Inbegriff des bürgerlichen Wien) gegen den Karl-Marx-Hof: Im 19.Bezirk läuft ein schwarz-roter Zweikampf um Platz eins. 2010 ging es nur um wenige Prozentpunkte. Sieger wird, wer weniger verliert. Der ÖVP setzen die Neos im bürgerlichen Villenviertel enorm zu – sie erreichten bei der Nationalratswahl 2013 in Döbling zwölf Prozent. Der SPÖ setzen die Freiheitlichen wegen des Asylthemas in den Gemeindebauten massiv zu. Wer Bezirkschef in Döbling wird, entscheidet damit die pink-blaue Performance.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2015)

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