365 Euro: Trägt sich die Jahreskarte von allein?

Faktencheck. Laut Wiens Verkehrsstadträtin, Maria Vassilakou, finanziert sich die Preisreduktion der Netzkarte auf 365 Euro pro Jahr wegen vieler neuer Fahrgäste selbst. Eine Recherche in den Büchern der Wiener Linien bestätigt das nicht.

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(c) Die Presse - Clemens Fabry

Wien. „Die verbilligte Wiener Jahreskarte rentiert sich, weil wir so viele zusätzliche Neukunden gewinnen konnten, dass die Kosten von allein eingespielt wurden.“ So warb die grüne Verkehrsstadträtin, Maria Vassilakou, am Montag in der TV-Konfrontation mit allen anderen Spitzenkandidaten für die Wirtschaftlichkeit „ihres“ Projekts der Wiener-Linien-Netzkarte für 365 Euro jährlich. Sie konterte damit Vorwürfe, dass das Prestigeprojekt ihrer Partei mit Geld aus dem allgemeinen Steuertopf subventioniert werden müsse. Aber stimmt Vassilakous Äußerung auch? „Die Presse“ durchforstete die Bücher des städtischen Verkehrskonzerns. Fazit: Die Zahlenrealität ist eine andere.

Korrekt ist, dass die Zahl der Jahreskartenbesitzer seit der Verbilligung von 449 auf 365 Euro im Mai 2012 von 373.000 auf 648.227 gestiegen ist. Und obwohl die Wiener Linien pro Netzkarte seither 84 Euro weniger erlösen, stiegen die Einnahmen aus dieser Position. Nominell. So weit hat Vassilakou recht.

Im Gegenzug entstanden aber auch teils erhebliche Mehrkosten im Betrieb. Seit 2011, also dem letzten Jahr, in dem der alte Jahreskartenpreis von 449 Euro galt, stieg die Zahl der zu befördernden Fahrgäste von 875 auf zuletzt 931 Millionen jährlich (plus 6,4 Prozent). Zu bewältigen war das nur mit einer Ausweitung der Fahrtätigkeit. Im Bus-, Straßen- und U-Bahn-Netz wuchs also gleichzeitig die Zahl der gefahrenen Kilometer von 139,5 auf 147,6 Mio. (plus 5,8 Prozent). Dafür brauchte es nicht nur zusätzliche Energie und 317 Mitarbeiter mehr (plus 3,8 Prozent), sondern auch mehr Aufwand bei der Wartung der Fahrzeuge. Kurzum: Bei steigender Beliebtheit der öffentlichen Verkehrsmittel werden die Aufwendungen insgesamt höher.

 

Zuschuss erhöhte sich um 51 Mio. Euro

Für genau diese Position überweist das Rathaus einmal jährlich den sogenannten Betriebskostenzuschuss an das Unternehmen. Durchsucht man nun die Bücher bis zurück ins Jahr 2008, fällt auf, dass die Höhe dieses Zuschusses lang konstant war, mit dem ersten Jahr des Vollbetriebs der verbilligten Jahreskarte (2013) jedoch mit einem Schlag um 51 Mio. auf 331,9 Mio. Euro sprang. Allerdings: In diese Zeit fällt auch die Betriebsaufnahme der verlängerten U2. Investitionen in Fuhrpark und Infrastruktur, die ebenfalls durch die verbilligte Jahreskarte notwendig wurden, sind darin noch nicht enthalten. Hierfür gibt es einen eigenen Investitionszuschuss aus dem Rathaus, der zuletzt bei 277 Mio. Euro pro Jahr lag (vom Bund kamen 2014 übrigens zusätzlich und zweckgebunden 67,5 Mio. Euro für den U-Bahn-Ausbau).

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Ein weiterer Indikator dafür, dass sich die verbilligte Jahreskarte nicht selbst finanziert, ist der Erlös pro Fahrgast. Dieser lag im relevanten Vergleichsjahr 2011 bei 52,38 Cent. Die 53,05 Cent im Jahr 2014 sind zwar nominell eine Steigerung, berücksichtigt man jedoch die Inflation, müssten es 55,63 Cent sein. Bei derart vielen, u. a. durch die verbilligte Jahreskarte ausgelösten Fahrgästen entspricht allein das einem rechnerischen Wertverlust von 23,9 Mio. Euro pro Jahr.

Trotz der enormen Verkaufssteigerungen bei den Jahreskarten blieb der Anteil der daraus erlösten Summen an den Gesamteinnahmen mit 38 Prozent seit 2011 gleich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2015)

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