Stadtgeschichte: Wien, geheimnisvoll und grauenhaft

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Man muss sich am Halloweenabend gar nicht in ein gruseliges Hexenkostüm bemühen, um zu der Erkenntnis zu gelangen: Wien kann ziemlich unheimlich sein. Geheimnisvoll, mysteriös und ja, auch grauenerregend. Zahlreiche Orte erzählen von den dunklen Seiten der Stadt: Da gibt es die Orte der Judenpogrome ebenso wie die ehemaligen Heime (Schloss Wilhelminenberg etwa), in denen Kinder systematisch gequält und missbraucht wurden. Diesen und anderen „Orten des Grauens“ hat die Stadtführerin Gabriele Lukacs nun ein Buch gewidmet. Lukacs faszinieren dabei „die unbekannten historischen Begebenheiten hinter bekannten Orten“, wie sie sagt. „Als Stadtführerin glaubt man ja, man kennt jeden Stein. Aber es ist immer wieder erstaunlich, wie viel man noch entdecken kann: Verblüffendes, Verwunderliches, aber auch Entsetzliches.“

 

Von Mirjam Marits

Peter C. Huber / Die Presse Grafik
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Blutgasse

In der schmalen Blutgasse im ersten Bezirk zum Beispiel, die ihre blutrünstige Geschichte im Namen trägt: Hier soll es im Jahr 1312 ein Gemetzel an den Tempelrittern gegeben haben, deren Blut die Straße hinunter bis in die Singerstraße geflossen sein soll. Die Tempelritter sollen hier auch ihr Hauptquartier gehabt haben. Öffentlich nicht zugänglich sind die riesigen Kellergewölbe, die zu den ältesten der Stadt zählen und in denen – so will es die Legende – sich noch irgendwo der Schatz der Tempelritter befinden könnte. Die alte Platane, die in einem der Höfe steht, soll den Schatz bewachen. Sagt man.

Peter C. Huber
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Hoher Markt

Im Mittelalter war der Hohe Markt ein zentraler Platz der Stadt: Hier hatte die „Schranne“, das damalige Gericht, ihren Sitz. Auf dem Hohen Markt fanden über Jahrhunderte Hinrichtungen statt, vor allem Enthauptungen. (Verbrennungen gab es etwa an der heutigen Weißgerberlände). Auf dem Hohen Markt stand auch ein Pranger für Schandstrafen: Wer sich kleinerer Vergehen schuldig machte, wurde hier dem Spott ausgeliefert.

Peter C. Huber
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Franziskanerplatz

Einer der hübschesten Plätze der Innenstadt, der Franziskanerplatz, hat eine lange und düstere unterirdische Historie: Hier liegen tausende Pesttote und mumifizierte Leichen in den Kellern, ein „mehrstöckiges Totenreich“, wie Lukacs schreibt, eine gigantische Gruft, „über deren Ausmaß man sich oberirdisch keine Vorstellung machen kann“. Im Lauf der Jahrhunderte wurde diese Gruft – in der auch Geistliche und Adelige begraben liegen – mehrmals geplündert und verwüstet. Die Franziskanerpater haben die Gruft renovieren lassen und mühselig in Ordnung gebracht, hunderte Totenschädel reihen sich hier heute in den Regalen. Auf Anfrage kann die Franziskanergruft besichtigt werden.

Peter C. Huber
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Karlsplatz

Wo heute der Resselpark und der Teich vor der Karlskirche liegen, gab es noch im 18. Jahrhundert den „Armesünder-Gottesacker“ auf der Wieden, auf dem jene Menschen begraben wurden, die geköpft, gerädert oder gevierteilt worden waren. Zu ihrer letzten Ruhe gebracht wurden sie von der sogenannten Totenbruderschaft, einem Männerbund, dessen Mitglieder, vermummt in schwarzen Kutten, die Leichen durch die Stadt auf den Gottesacker brachten. Verfolgt wurden sie von einer sensationsgierigen Menge. 1784 wurde der Friedhof aufgelassen.

Wikimedia Commons
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Karmelitermarkt

Auch das Grätzel um den heutigen Karmelitermarkt hat eine lange dunkle Geschichte: Hier wurden jahrhundertelang Juden verfolgt und vertrieben. Nachdem das jüdische Ghetto niedergebrannt worden war, entstand auf dem heutigen Marktgebiet 1673 ein Haus „zur Verbesserung der Sitten und Verminderung des Bettels“. Im Sprachgebrauch als Arbeitszucht- und Strafhaus bekannt, wurden hier Bettler und sogenanntes arbeitsscheues Gesindel eingesperrt. Für Generationen von Kindern war es der wohl schrecklichste Ort der Stadt: Wurde ihnen doch immer wieder damit gedroht, man würde sie ins Zuchthaus bringen, wenn sie sich nicht benähmen. Ab 1816 wurden im Zuchthaus nur noch Sträflinge festgehalten, 1888 wurde es geschlossen.

(c) Die Presse (Andrej Fröhlich)
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Schwarzenbergplatz

Grausame Morde gab es in Wien immer wieder. Zu jenen, die die Bevölkerung besonders bewegt haben, zählt der brutale Mord an einer 21-jährigen Modeschülerin hinter dem Russendenkmal auf dem Schwarzenbergplatz im Jahr 1958. Zwar gab es einen Verdächtigen, geklärt wurde der Fall aber nie. Schon vor dem Mord galt der Schwarzenbergplatz (vor seinem Umbau 2004) vielen als Schreckensort. War er doch unübersichtlich und verwahrlost, im Gebüsch fanden Drogensüchtige und Obdachlose Unterschlupf.

Peter C. Huber
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Groß-Enzersdorf

Auch außerhalb Wiens, gleich hinter der Stadtgrenze, liegt ein weiterer historisch-düsterer Ort: In Groß-Enzersdorf gibt es einen der letzten noch original erhaltenen Kotter (wie Gefängnisse früher genannt wurde) aus dem 17. Jahrhundert. In den heute denkmalgeschützten Räumen ist auch das Originalinventar von Daumenschrauben bis Schädelbrechern erhalten. Heute gibt es im alten Gefängnis Veranstaltungen, aber auch Führungen durch das Foltermuseum (www.kultur-im-kotter.at).

Peter C. Huber
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Das Buch

„Orte des Grauens. Dunkle Geheimnisse in Wien“ heißt das eben erschienene Buch der Wiener Stadtführerin Gabriele Lukacs und des Fotografen Peter C. Huber. Erschienen im Pichler Verlag, 173 Seiten, 26,90 Euro. Lukacs bietet gegen Voranmeldung Führungen zu den „Gruselhäusern“ Wiens an: www.wienfuehrung.com.

Pichler Verlag