Weisshappel hat zugesperrt: Des Kaisers liebste Würste

Eine Ära österreichischer Gewerbegeschichte ist zu Ende: Mit dem Weisshappel hat am Freitag eines der längstgedienten Wiener Paradeunternehmen zugesperrt. Damit fehlt der Stadt ein Gustostück alter Fleischertradition.

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Es schaut aus wie immer im Haus Petersplatz 1, im ersten Wiener Gemeindebezirk. Zu ebener Erd geben sich Fiakerkutscher und illustre Stammgäste ein Stelldichein, es wird eingekauft und gejausnet, im ersten Stock gespeist, mit verlässlich qualitätsvoller Wiener Küche und Ausblick auf die Peterskirche. Wie das Ende einer ganz normalen Arbeitswoche sieht es aus, bei Michael und Hermine Weisshappel, oder einfach bei „Weisshappels“, wie die kundigen Wiener sagen.

Doch das Ende dieser Woche ist das Ende einer Ära. Am Freitag hat eines der bekanntesten und längstgedienten Wiener Traditionsunternehmen zugesperrt, für immer. Neun von zehn Fleischereien in Wien sind Familienbetriebe, wie so oft fehlen auch hier die (willigen) Erben.

Nur eine Fußnote im Wiener Unternehmersterben? Nein, sehr viel mehr. „Der Weisshappel sperrt zu“ – in kakanischen Zeiten hätte diese Nachricht in Wien regelrecht für Aufruhr gesorgt. Weisshappel, das ist für die Wiener Fleischertradition, was Demel und Sacher in der Welt der Mehlspeisen sind. Weisshappel, das war der berühmte k. u. k. Hoflieferant, dessen Würstel auch das Gabelfrühstück des Kaisers bildeten.

Dass Franz Joseph dabei nicht nur auf die Qualität seiner Semmeln, wie in Ernst Marischkas Film „Die Deutschmeister“ gezeigt, sondern auch auf die der Würstel höchsten Wert legte, macht uns der Schriftsteller Fritz von Herzmanovsky-Orlando in „Rout am fliegenden Holländer“ weis. „Sie Loschek, schaun S' das linke Würstel da an, das sattlige... Das ist... gute zwei Millimeter...zu kurz“, bemerkt der Monarch, bevor er es in seinem Bartgehege verschwinden lässt. Drauf der Kammerdiener: „Muss mich aber schon wundern. Wo doch der junge Weisshappel die allerhöchsten Frühstückswürstel eigenhändig spritzt. Natürlich in Uniform.“

„Der,junge‘ Weisshappel, das war mein Ururgroßvater“, sagt Michael Weisshappel. Seit 1867 waren seine Vorfahren Hoflieferanten, das Fleischerhaus blühte aber auch ohne Kaiserhof weiter. Opernsänger Leo Slezak konnte, glaubt man seinen Memoiren, seiner greisen und bereits etwas dementen Mutter 1938 den Schmerz über den deutschen Einmarsch ersparen, indem er ihr den Radau auf der Ringstraße folgendermaßen erklärte: „Der Weisshappel serviert bei der Oper Gratiswürstel, hat aber den Senf vergessen.“

Eine Wiener Institution war auch Elise, die Urgroßtante von Michael Weisshappel, die nach dem frühen Tod ihres Mannes den Betrieb allein weiterführte und gleichzeitig drei Töchter großzog. „An Frau Elise Weisshappel, die niemand gewagt hätte, kurzerhand eine Fleischhauerin zu nennen, werden sich alte Wiener und Wienerinnen noch erinnern“, schreibt Ann Tizia Leitich in ihrem Buch „Frauen der Jahrhundertwende“. „...wie sie, im Winter immer mit einem umfangreichen Hut,...unter dem die Brillantboutons blitzten, an der Kasse ihres altberühmten Würstel- und Fleischgeschäftes auf dem Petersplatz saß, jeder Zoll eine Regentin... Und die Brillantboutons, die streng der einzige Schmuck blieben, sie waren keine Protzerei, sie bedeuteten ungefähr das, was die Sacher sagte, nur hieß es hier nicht ,der Herr‘, sondern ,die Frau bin i'!?“

1739 gilt als das Gründungsjahr der aus Nürnberg eingewanderten Fleischselcher. Michael und Hermine Weisshappel verabschieden sich also von 270 Jahren Familiengeschichte. Rührseligkeit ist dem Firmenchef, der seinen Gästen zum Essen gerne einen Witz zu servieren pflegte, sichtlich zuwider. „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“, sagt er schulterzuckend, und in diesem Fall klingt die Floskel ausnahmsweise angebracht. Viele Stammgäste seien in den letzten Tagen gekommen, um sich zu verabschieden. „Alle haben gesagt, wir sind traurig, aber wir gönnen Ihnen die Pension.“ Was kommt nach? Kein Wiener Unternehmen natürlich – nur ausländische Investoren haben noch das Kapital, um sich die astronomisch hohen Mieten in der Innenstadt leisten zu können. Ein thailändisches Ehepaar hat den Zuschlag bekommen. Ihre Restaurantkette Patara umfasst bereits rund 50 Lokale in Thailand und Europa, jenes in Wien wird voraussichtlich im Herbst eröffnet.

Und was bleibt dann von einem wichtigen Stück österreichischer Gewerbe- und Unternehmensgeschichte? Eine Tafel mit alten Fotos – „ein bisschen etwas Geschichtliches wollten die neuen Besitzer schon drinbehalten“.

Da rede noch einer von Globalisierung und Verlust der lokalen Geschichte. Im Gegenteil, könnte man meinen: Je weniger Tradition und Geschichte wert sind, desto mehr werden sie wert. History sells – und besonders gut in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2009)

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