Fußgängerstudie: Was geht – und was nicht

Die Ältesten gehen in Wien am meisten – Frauen mehr als Männer. Im Schnitt gehen Wiener nur ein Zehntel von dem, was Mediziner als Tagesdosis empfehlen. In Liesing wird am häufigsten Auto gefahren.

Wien. Mit dem Frühling beginnt auch die Hochsaison für Fußgänger. Wie es die Wiener mit dem Marschieren halten, zeigt eine aktuelle Studie der Stadt Wien. Diese wurde als Abschluss zum Jahr des Zu-Fuß-Gehens, das die Stadt 2015 ausgerufen hatte, erstellt.
Als Basis dienten zwei Datenquellen: Einerseits die von 2010 bis 2014 durch Omnitrend im Rahmen der kontinuierlichen Marktforschung für die Wiener Linien erhobenen Daten – die Stichzahl umfasste 4000 Personen für das Jahr 2014. Andererseits wurden Daten aus der Lebensqualitätsstudie 2013 verwendet. Die Studie wird alle fünf Jahre erstellt, es wurden 8400 Personen befragt. Die nun aus beiden Quellen vorliegende Auswertung liefert einige überraschende Ergebnisse.

  • Mann und Frau: Was die Wahl des Verkehrsmittels betrifft, gibt es teilweise große Geschlechterunterschiede. Prinzipiell gehen Frauen im Schnitt häufiger zu Fuß als Männer (30 zu 25 Prozent). Eine Ausnahme bildet die Altersgruppe zwischen 25 und 34 Jahren. Frauen haben hier einen geringeren Fußgängeranteil (19 zu 22 Prozent), nutzen dafür aber deutlich häufiger die öffentlichen Verkehrsmittel (53 zu 37 Prozent). Niemand geht laut Studie mehr zu Fuß als Frauen ab 60: Sie legen ihre Wege zu 39 Prozent zu Fuß zurück. Besonders groß ist der geschlechterspezifische Unterschied im Mobilitätsverhalten, wenn es um die Nutzung des Pkw geht: In den Altersgruppen von 25 bis 34 bzw. 35 bis 44 Jahren fahren Frauen nur halb so oft selbst mit dem Auto wie Männer (27 zu 14 Prozent bzw. 39 zu 20 Prozent.) Ein ähnliches Verhalten zeigt sich auch in der Altersgruppe der 45- bis 59-Jährigen, wenn es um das Fahrrad geht: Männer fahren doppelt so häufig wie Frauen (elf zu fünf Prozent).
  • Alt und Jung: Jugendliche und junge Erwachsene weisen den geringsten Anteil an reinen Fußwegen auf – die Jüngsten und Ältesten der Gesellschaft dafür den höchsten: Die 15- bis 29-Jährigen gehen nur zu 19 Prozent zu Fuß. Dieser Anteil steigt mit zunehmendem Alter – die Gruppe 75 plus weist mit 39 Prozent den höchsten Fußgängeranteil aus. Nur Kinder im Alter von bis zu sechs Jahren gehen mehr: 42 Prozent ihrer Wege legen sie zu Fuß zurück.
  • Weg und Ziel: Addiert man die Entfernung aller Fußwege eines Tages, so legen die meisten Wiener täglich nur knapp 500 Meter zurück. Junge Erwachsene sind zwar seltener zu Fuß unterwegs, legen dann aber die größten Distanzen zurück, nämlich rund einen Kilometer pro Weg. Der Wiener Durchschnitt liegt bei 800 Metern am Tag. Die World Health Organisation empfiehlt rund 10.000 Schritte, was einer Strecke von sieben bis acht Kilometern entspricht. Wege für Einkäufe des täglichen Bedarfs weisen einen sehr hohen Anteil an reinen Fußwegen auf (51 Prozent), gefolgt von sonstigen Einkäufen (34 Prozent). Zum Arbeitsplatz wird nur selten zu Fuß gegangen (neun Prozent).
  • Zentrum und Peripherie: Betrachtet man die Wohnorte der Befragten, zeigt sich: Je weiter am Stadtrand sie leben, desto weniger gehen sie. In den Bezirken eins bis neun, also im dicht verbauten Gebiet, werden 35 bis 40 Prozent der Wege zu Fuß zurückgelegt. Spitzenreiter ist der dritte Bezirk mit 40 Prozent, dicht gefolgt von Neubau und Mariahilf (39 Prozent) sowie Rudolfsheim-Fünfhaus (37 Prozent). Schlusslicht, was den Fußgängeranteil betrifft, ist Liesing: Er liegt nur bei 18 Prozent – dafür verzeichnet der Bezirk mit 57 Prozent den höchsten Wert an Autofahrern. Erst mit einem beträchtlichen Abstand folgen dann Floridsdorf und die Donaustadt mit 39 und 38 Prozent. Am wenigsten wird das Auto mit neun Prozent in der Inneren Stadt genutzt – allerdings liegt hier auch der Anteil der Fußgänger mit 21 Prozent deutlich unter dem Wiener Schnitt von 28 Prozent.

    Die rot-grüne Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, diesen Anteil auf 30 Prozent zu erhöhen. Auch diese Legislaturperiode soll massiv in den Fußgängerverkehr investiert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2016)

Kommentar zu Artikel:

Fußgängerstudie: Was geht – und was nicht

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen