Wien: Ein Turm voll Design – im Abverkauf

Der Jean-Nouvel-Turm wird gut fünf Jahre nach der Eröffnung verkauft. Dem Sofitel geht es nach Startschwierigkeiten nun gut, aus dem Design-Markt Stilwerk sind Mieter ausgezogen.

Dank der spektakulären Aussicht und der neu aufgestellten Küche läuft Das Loft im 18. Stock nun wieder.
Dank der spektakulären Aussicht und der neu aufgestellten Küche läuft Das Loft im 18. Stock nun wieder.
Dank der spektakulären Aussicht und der neu aufgestellten Küche läuft Das Loft im 18. Stock nun wieder. – Stanislav Jenis

Wien. Zu übersehen ist der schwarze Koloss mit der markanten Fassade und den nach außen leuchtenden Decken nicht, aber in den Turm finden doch nur wenige – zumindest wenige, die nicht in das Hotel oder ein Lokal wollen. Ums Eck, dort, wo das Mochi, das Café Ansari und das Bistro Stewart ihre Schanigärten haben, sind diese voll, am nahen Donaukanal drängen sich die Leute, die weißen Outdoor-Möbel des Le K-Fé sind aber frei, das Café ist ebenso leer wie das Design-Einkaufscenter Stilwerk im Turm.

Auch Geschäftsflächen stehen heute leer – im obersten Stockwerk etwa die Hälfte der Geschäfte: An der Fassade von BoConcept etwa hängt ein Zettel mit dem Hinweis auf den kürzlichen Auszug und das neue Geschäft am Schwarzenbergplatz – ein ähnlicher hängt bei Behan&thurm nebenan. Kunden findet man im Stilwerk an diesem Nachmittag keine, dafür Preisreduktionsschilder.

Ein „Zum Verkauf“-Schild könnte bald am ganzen Turm hängen (theoretisch natürlich), schließlich will sich die Uniqa davon trennen. Mit dem Geschäftsgebaren im Turm habe das nichts zu tun, sagt Uniqa-Sprecher Norbert Heller. Und betont, dass sich die Uniqa schon 2012 von Hotels (Austria Hotels) getrennt hat – gehören diese doch nicht zum zentralen Geschäft des Konzerns. Zu jedem Preis würde man den Turm aber nicht abgegeben – im benachbarten Büroturm der Uniqa am Donaukanal hofft man auf einen Erlös von mindestens 100 Millionen Euro.

 

Startschwierigkeiten sind passé

Im Sofitel-Turm sieht man diese Verkaufsabsichten indes relativ gelassen. Auf den Hotelbetrieb habe das keinen Einfluss, es gebe ohnehin langfristige Verträge, sagt Sofitel-Direktor Alexander Moj. Auch mit schwierigen Geschäften im Hotel hätte das verlorene Interesse der Eigentümer nichts zu tun. Zwar hatte das Hotel Startschwierigkeiten – es wurde 2010 eröffnet, in einer Zeit, in der binnen weniger Jahre ein Fünfsternhotel nach dem anderen in Wien aufgesperrt hat und das Geschäft folglich schwieriger wurde. Mittlerweile, so Moj, habe sich die Lage aber entspannt und das Geschäft laufe gut. Die Einschätzung, dass der Betrieb im Sofitel gut laufe, teilen ebenso Kenner der Wiener Hotelszene.

Auch das Restaurant Das Loft (vormals hieß es Le Loft, aber das Le wurde mit der französischen Küche aufgegeben) läuft nun offenbar: Auch dank des neuen Küchenchefs, der dort seit gut einem Jahr kocht. Fabian Günzel wurde von Gault Millau zum Newcomer des Jahres gekürt, mit ihm erhielt das Loft zwei Hauben.

Zuvor gab es auch im Restaurant mit der Lichtdecke von Pipilotti Rist Startschwierigkeiten. Das noble französische Essen kam bei den Wienern nicht recht an – und auch von Gästen, die man ohne Reservierung nicht in das Lokal lassen wollte, obwohl dieses halb leer war, hörte man immer wieder. Diese Probleme dürften beseitigt sein, heute hat auch das Sommelier-Team um Steve Breitzke einen exzellenten Ruf. Kulinarisch gab es in dem Turm überhaupt schon ein paar Wechsel: 2013 schloss Haya Molcho ihr Neni im Erdgeschoß, stattdessen ist das Steakhaus El Gaucho eingezogen. Das dortige Neni sei „ein Flop“ gewesen, sagt Molcho heute, man habe „dort nicht hingepasst“.

Mangelnde Frequenz als Ursache hatte man ursprünglich in Abrede gestellt. Diese mangelnde Frequenz ist freilich immer wieder Thema bei Kennern des Turms, besonders, wenn es um das Stilwerk geht. In der deutschen Zentrale ist zum Geschäftsgebaren in Wien wenig zu erfahren. „Es gab einige Mieterwechsel“, sagt Erwin Pellet. Er ist in der Wirtschaftskammer für Einrichtungsfachhandel zuständig, führt selbst einen Betrieb in der Nähe und kennt den Turm damit gut.

 

Wenige Kunden reichen schon

Zugesperrt haben vor allem Betriebe, die Laufkundschaft brauchen, und die in die Innenstadt umgezogen sind. Nun sollen die Verkaufsflächen angeblich kleiner werden – und ebenso jungen Wiener Designern geöffnet werden. Aber auch die sehr exklusiven Geschäfte, für die Kunden eigens an den Donaukanal kommen, halten sich. Dass das Stilwerk oft völlig leer ist, mag da täuschen. „Ein Geschäft wie Siematic braucht nur zwei Küchen pro Woche zu verkaufen und das Geschäft passt“, sagt Pellet.

AUF EINEN BLICK

Der Design Tower am Donaukanal soll verkauft werden. Die Uniqa will sich damit von Hotels trennen, mit schleppenden Geschäften habe die Verkaufsabsicht nichts zu tun. Im Turm des französischen Architekten Jean Nouvel befinden sich derzeit diverse Lokale, Das Loft oder El Gaucho zum Beispiel, und das Sofitel Vienna. Während dort – nach Startschwierigkeiten – die Geschäfte gut laufen, sind im Design-Shoppingcenter Stilwerk zuletzt Mieter ausgezogen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2016)

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