Muslime: Junger Theologe fordert Sanaç heraus

Ibrahim Olgun will den bisherigen Präsidenten, Fuat Sanaç ablösen. Olgun weist die Kritik zurück, dass er ein Atib-Vertreter sei und will für alle Muslime eintreten und mehr den Dialog suchen.

Fuat Sanaç
Fuat Sanaç
(c) Stanislav Jenis

Wien. In der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) rumort es. Schon am Sonntag könnte es zu einem Wechsel an der Spitze kommen und der bisherige Präsident, Fuat Sanac, abgelöst werden. Herausforderer ist Ibrahim Olgun, ein 28-jähriger Theologe, der stellvertretender Leiter im Schulamt der IGGiÖ ist. „Ja, ich habe mich beworben, wie es das Recht von allen Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft ist“, sagt Olgun im Gespräch mit der „Presse“.

Ob Sanac bei der Wahl antritt und eine Kampfabstimmung riskiert, war vorerst noch offen. Im neu zusammengesetzten Schurarat, dem Parlament der Muslime, darf Olgun auf eine Mehrheit durch die Mitglieder von Atib und der Islamischen Föderation hoffen.

Olgun wird freilich vorgeworfen, dass er Sprecher für interreligiösen Dialog des mächtigen türkischen Vereines Atib sei. Durch seine Kandidatur würde Atib mehr Einfluss bekommen. Olgun weist diese Kritik zurück: „Mir wird viel vorgeworfen: Dass ich zu jung bin, dass ich ein verlängerter Arm der Türkei bin. Das stimmt nicht. Ich bin in Österreich geboren, hier aufgewachsen und österreichischer Staatsbürger.“ Er habe zwar bei Atib gearbeitet, sei dort aber offiziell nicht tätig, betont Olgun. „Ich bin kein Beamter des türkischen Staates.“

Sollte er gewählt werden ist es für ihn wichtig, für alle Ethnien in der Glaubensgemeinschaft einzutreten, nicht nur für die Türken. Wichtig ist ihm auch, dass er verstärkt mit allen Muslimen in Kontakt tritt. Er wolle das Gespräch suchen, man müsse mehr auf die Bedürfnisse der Muslime hören, zum Beispiel, was in Kindergärten, im Religionsunterricht und in der islamischen Seelsorge passiere. Diesen Kontakt mit den Muslimen habe Sanaç nicht gepflegt. Olgun verweist auf Kritik in der Glaubensgemeinschaft, dass Sanaç sein Amt missbraucht und eigenmächtig Entscheidungen getroffen habe. „Dadurch hat er die Unterstützung vieler Muslime verloren.“ Tatsächlich wird Sanaç vorgeworfen, dass er beim Islamgesetz zu wenig hart geblieben sei. Und wie sieht Olgun das Gesetz? Er finde es „im Allgemeinen“ in Ordnung, aber man könne sicher noch einiges ändern. Genaueres will er nicht sagen. Das müsste in den Gremien besprochen werden.

Laut einem Bericht der Austria Presse Agentur ist das neue Islamgesetz der Hauptgrund, warum in der IGGiÖ so heftig debattiert wird. Denn die Auflösung der ursprünglichen Religionsgemeinden und die vom Gesetz vorgeschriebene Bildung von Kultusgemeinden habe zur Folge, dass die Muslime wieder vermehrt in Ethnien und nicht mehr regional organisiert seien, so ein prominentes IGGiÖ-Mitglied.

Nationale und ideologische Lager hätten sich gebildet, von einem „Islam österreichischer Prägung“, wie ihn Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) durch das Gesetz erhofft hatte, sei keine Spur.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2016)

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