Lebensphilosophie Modellbahn

Elisabeth Kroch betreibt mit ihrem Ehemann, Peter Reckzügel, Tinas Modelleisenbahn im zwölften Bezirk. Die Leidenschaft für die Miniaturbahnen teilen sie.
Elisabeth Kroch betreibt mit ihrem Ehemann, Peter Reckzügel, Tinas Modelleisenbahn im zwölften Bezirk. Die Leidenschaft für die Miniaturbahnen teilen sie. / Bild: (c) Voithofer Valerie 

Seit 40 Jahren betreibt Familie Kroch eines der letzen Modellbahngeschäfte Wiens. Gerade bei den jungen Leuten findet das Hobby Modellbauen aber kaum noch Beachtung.

 (Die Presse)

Für manche sind Modelleisenbahnen ein Hobby, für andere eine Geldanlage. Für Elisabeth Krochs Vater, Detlev, waren sie sein Leben. Im Februar 1976 beschlossen er und seine Frau Tina, sich selbstständig zu machen. Ihre Geschäftsidee war recht vage, als sie die Räumlichkeiten im zwölften Bezirk mieteten, in denen sich heute Tinas Modelleisenbahn befindet. Zunächst verkaufte das Ehepaar Secondhand-Artikel für Kinder, vom Spielzeug bis zum Kinderwagen. „Eines Tages kam ein Mann in das Geschäft, der hatte den Rucksack voll Modellbahnen“, erzählt Elisabeth Kroch. „Mein Vater hat sie ihm abgekauft und in die Auslage gestellt. Wenige Stunden später waren sie ausverkauft. Da hat er beschlossen, sich ab jetzt auf Modellbahnen zu spezialisieren.“ Aus Tinas Fundgrube wurde kurzerhand Tinas Modelleisenbahn.

Bis zu seinem Tod vor sieben Jahren stand Krochs Vater täglich im Geschäft. Anfangs mit seiner Frau, dann immer öfter auch mit seiner Tochter. Nachdem die heute 51-Jährige sieben Jahre als Einzelhandelskauffrau in einem Spielwarengeschäft gearbeitet hatte, stieg Elisabeth Kroch vollständig in das Geschäft ihrer Eltern ein.
Zu kaufen gibt es dort, wie der Name sagt, alles rund um die Modelleisenbahn. Und das ist mehr, als ein Laie denken würde. Neben Lokomotiven, Waggons, Gleisen und elektronischem Zubehör kann man auch zahlreiche Landschaftsgestaltungselemente erwerben. Ein richtiger Modellbauer nämlich lässt die Bahn durch eine liebevoll gestaltete Landschaft mit Tunneln, Bahnschranken, Bäumen, Häusern und Männchen ziehen.

Durch die Miniaturbahn verbunden. Einer dieser Bastler ist Krochs Ehemann, Peter Reckzügel. Ehemals bei den Österreichischen Bundesbahnen beschäftigt, ist er ein Experte für alles rund um das Thema Eisenbahn. Nebenberuflich nahm er früher immer wieder handwerkliche Aufträge von Modelleisenbahnläden an. So auch für Tinas Modelleisenbahn, wo er Elisabeth kennenlernte. Er beschloss, sein nächstes Honorar mit ihr zusammen in einer Cocktailbar auszugeben. Seit 16 Jahren sind die beiden nun verheiratet und stehen immer öfter auch gemeinsam im Geschäft.

Kaum noch junge Kundschaft. In den vergangenen Jahren hat sich die Branche verändert. Die Kundschaft nimmt ab, da sich nur noch wenige junge Menschen für das Hobby Modellbahn interessieren. Kroch glaubt, dass sie sich lieber mit Computern beschäftigen. „Modellbahnen sind ein Virus, das von den Eltern auf ihre Kinder weitergegeben wird“, sagt sie. „Aber seit zwei Generationen ist das immer weniger geworden.“ Den Herstellerfirmen mache das ebenso Sorgen. In der Szene sucht man fieberhaft nach Wegen, den Jugendlichen das Hobby wieder schmackhaft zu machen.

Auch die Zahl der Modelleisenbahngeschäfte in Wien hat sich aus diesem Grund stark reduziert. „Früher gab es sicher zwölf bis 16“, schätzt Reckzügel. „Heute sind es vielleicht sieben.“ Warum sich junge Menschen nicht für Modelleisenbahnen begeistern können, versteht er nicht, denn: „Das Modellbauen hat auch etwas Philosophisches. Man schafft sich seine eigene kleine Welt.“ Immer weniger eingekauft würde auch, weil die Menschen nicht mehr so viel Geld für ihr Hobby zur Verfügung hätten. Und Modellbahnen haben ihren Preis: 300 Euro kostet eine Dampflok, hinter dem Endprodukt steckt immerhin ein Jahr Produktionsarbeit.

Obwohl die Kundenzahl sinkt, geht es im Geschäft in der Hilschergasse 1 oft stressig zu, denn die Kunden bleiben lang. „Die Modellbahner entspannen sich hier. Das ist wie das Kleider-Shoppen für viele Frauen. Die Kunden bekommen auf Wunsch auch einen Kaffee, und man unterhält sich“, erzählt Kroch. Es hätten sich auch schon einige Freundschaften mit Käufern entwickelt. Die meisten Kunden seien vor allem an den Neuheiten auf dem Markt interessiert, denn auch in diesem Bereich schreitet die Technologisierung voran. Heutzutage kann nicht nur die Lok pfeifen, auch Bahnhofsdurchsagen und Leuchtsignale gibt es in der Modellwelt.

Über all das wird im Geschäft täglich gefachsimpelt. Reckzügel tüftelt mit den Kunden unterschiedlichste Bauvarianten aus und ist auch bei seinem eigenen Modell streng. „Ich geb keine Ruh', bevor da nicht alles echt ausschaut“, sagt er. Seine Frau weiß das und schenkt ihm zu besonderen Anlässen Lokomotiven oder anderes Zubehör. „Mein liebstes Stück ist die erste Lok, die ich von der Elisabeth bekommen hab“, erzählt der 58-Jährige. Krochs Favorit: das Modell eines zweiachsigen Klappdeckelwagens der ÖBB, das vor mehr als 30 Jahren auf den Markt kam.

Neben den Modelleisenbahnen teilt das Paar auch die Leidenschaft für gutes Essen und Wein. Peter Reckzügel ist begeisterter Hobbykoch und in dieser Funktion auch beim Feuerwehrheurigen im Einsatz. Weil er einen kreativen Gegenpol zum Modellbahnbasteln gesucht hat, hat er kürzlich wieder mit seinem Jugendhobby, dem Gitarrespielen, begonnen. Seine Frau freut das besonders.

Die Eisenbahn aus zweiter Hand. Auch Elisabeth Kroch hat eine alte Tradition wieder aufgegriffen: Wie ehemals im Geschäft ihrer Eltern verkauft sie nun wieder Modellbahnen aus zweiter Hand. Nicht selten kommen ältere Damen ins Geschäft, die die Bahnen aus dem Nachlass ihrer kürzlich verstorbenen Ehemänner verkaufen wollen. An solchen Tagen ist Elisabeth Kroch traurig. „Wenn ich dann am goldenen Pickerl erkenne, dass die Modelle vor Jahrzehnten schon bei uns gekauft wurden, dann geht mir das schon sehr nahe“, sagt sie.

Fakten

Geschichte. Im Februar 1976 eröffnen Detlev und Tina Kroch Tinas Fundgrube. In der ersten Zeit werden dort Kinder-Secondhand-Artikel verkauft. Dann spezialisiert sich Detlev Kroch auf den Verkauf von Modellbahnen. Eine Umbenennung in Tinas Modelleisenbahn erfolgt. Bis zu seinem Tod 2009 führt Detlev Kroch das Geschäft, danach übernimmt es seine Tochter Elisabeth. Tina Kroch arbeitete auch nach ihrer Pensionierung bis ins Jahr 2013 im Laden.

Heute. Elisabeth Kroch steht heute gemeinsam mit ihrem Ehemann, Peter Reckzügel, und einem weiteren Angestellten im Geschäft im zwölften Bezirk. Tochter Nina wird Tinas Modelleisenbahn voraussichtlich nicht übernehmen.

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2016)

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