Die eiserne Energiereserve der Republik

Am Rande Wiens bunkert die OMV 1,6 Mio. Kubikmeter Kraftstoffe. Der Großteil der Tankstellen wird von hier aus versorgt. Weil ohne die Anlage das Land stillstände, hat man mit Staatsschutz und Militär Krisenpläne entwickelt.

(c) Stanislav Jenis

Wien. Dieter Karner ist ein Connaisseur der besonderen Art. Ganz ähnlich wie Weinfreunde kennt er sich mit Sorten, Herkunftsgebieten und Qualitätsmerkmalen aus. Allerdings rechnet der gelernte Prozessingenieur höchstens privat in Volumenmaßen wie Litern oder Bouteillen. Beruflich hat er mit Tonnen und Kubikmetern zu tun. Millionenfach. Seine Etiketten kleben nicht auf Flaschen, sondern hängen an riesigen Tanks oder Eisenbahn-Kesselwagen.

Wenn Karner die Zahlenkombination 30/1202 auf der orangefarbenen Gefahrengut-Tafel liest, weiß er: Hier lagert Diesel. Der Mitarbeiter des teilstaatlichen Mineralölkonzerns OMV ist nämlich stellvertretender Anlagenleiter der wohl bedeutendsten Energiereserve der Republik, des Zentrallagers Lobau.

Lobau? War da nicht was? Genau! Den meisten Wienern und Österreichern ist die Lobau als Grünoase und Paradies für Nacktschwimmer bekannt. Dass hier, mitten im Nationalpark Donau-Auen, gigantische Mengen an Treibstoff für den Krisenfall gelagert werden, wissen wohl die wenigsten. Die riesigen Tanks sind aus der Ferne wegen des dichten Auwalds nicht auszumachen. Sie sieht nur, wer die öffentliche Straße, die das einen Quadratkilometer große Gelände in einem Sicherheitskorridor durchquert, befährt. Die meisten Fahrzeuge hier sind – logisch – Tankwagen, gefolgt von – auch klar – halb nackten Radfahrern, die zu den Badeplätzen wollen.

 

600 Soldaten für den Ernstfall

Wie wichtig der Republik und dem Konzern, an dem der Staat immer noch mit 31,5 Prozent beteiligt ist, dieser Ort ist, lässt sich erahnen. Etwa anhand des kilometerlangen und überhängenden Sicherheitszauns, der neugierig spähenden Videokameras, des Sicherheitsdienstes sowie der Schranken und Personenschleusen am Haupteingang. Hier kommt nur durch, wer entweder einen Mitarbeiterausweis oder einen Termin bei Dieter Karner hat. Zu Friedenszeiten.

Im Krisenmodus stehen hier 600 schwer bewaffnete Soldaten. In Zeiten, in denen der internationale Terrorismus die Sicherheitslage in Europa mitbestimmt, spielt der Schutz strategisch bedeutender Infrastruktur-Einrichtungen eine wichtige Rolle. Vor zwei Jahren hat das Bundesheer den Ernstfall hier in voller Mannstärke geübt. Kleinere Übungen finden öfter statt. Karner erzählt, dass man gemeinsam mit Staatsschutz, Militär und anderen Stellen der Republik Alarmpläne für jedes nur denkbare Szenario ausgearbeitet hat. Fragen nach den Details beantwortet der 50-Jährige jedoch nur mit einem höflichen Lächeln. Die Alarmpläne, sagt er, seien nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Das ganze Gelände, auf dem in drei Schichten sieben Tage die Woche rund um die Uhr Betrieb ist, ist auf Krisensituationen ausgelegt. „Wir sind hier autark“, erzählt er. Das Wasser in Trinkqualität kommt aus Brunnen auf dem Gelände, die elektrische Energie über Leitungen aus dem Kraftwerk der Raffinerie Schwechat auf der anderen Seite der Donau. Öl und Treibstoffe sind ohnedies genug vorhanden.

Die Lagerkapazität des gesamten Areals beträgt 1,6 Millionen Kubikmeter. Nur um sich das vorstellen zu können: Das entspricht vier Mal dem Volumen der ebenfalls nicht kleinen vier Gasometer in Wien Simmering. Oder in harter Autofahrerwährung: Das ist so viel wie 32 Millionen Tankfüllungen à 50 Liter. In Österreich sind derzeit 4,75 Millionen Pkw angemeldet.

Beim Spaziergang zwischen den gigantischen, bis zu 30 Meter hohen Tanks, entsteht rasch eine Vorstellung davon, wie abhängig das Land nach wie vor vom Erdöl ist. Die mediale Bühne gehört schon länger der sogenannten Green Economy, den erneuerbaren Energien und dem Begriff der Nachhaltigkeit. Treib- und Schmierstoff des Motors unserer Wirtschaft scheint jedoch immer noch das Öl zu sein.

 

Jenis / Die Presse

Vorrat für 90 Tage, bundesweit

Die nationale Bedeutung der 64, wie zu dick geratene Ufos aussehenden Behälter lässt sich anhand von Verbrauchs- und Umschlagsdaten beschreiben. Österreich verbrennt im Jahr etwa acht Mio. Tonnen Treibstoffe. Durch das Tanklager Lobau flossen im Vorjahr sechs Mio. Tonnen. Ein Teil davon gehört zu jener eisernen Reserve, die das Land 90 Tage lang völlig ohne Ölnachschub auskommen lässt. Als im Vorjahr die Raffinerie in Schwechat wegen einer Überholung 40 Tage lang stillstand, hat das an den Zapfsäulen niemand bemerkt: Die Lager in der Lobau waren ein mehr als ausreichend großer Puffer.

Bei all der Petrochemie, haarsträubenden CO2-Bilanzen und der Erkenntnis, dass wir noch länger vom Öl abhängig sein werden, signalisiert die Natur Karner, seinen 61 Mitarbeitern und der gesamten Erdölbranche auf ihre Weise, dass sich gegenseitiger Respekt lohnt. Auf dem Gelände leben drei Rehe, mehrere Wildschweine, Biber und auch Turmfalken. Man einigte sich auf eine einfache Formel, oder wie er sagt: „Wir lassen die Tiere in Ruhe, und die Tiere uns.“

Auf dem Weg zurück zum Haupteingang kommt dem Herren der wohl wichtigsten Tankstelle der Republik noch einmal ein Vergleich mit der Weinbranche in den Sinn. Sowohl Diesel als auch Benzin werden hier nämlich aus mehreren Halbprodukten zum verbrauchsfertigen Kraftstoff abgemischt. „Unser Treibstoff“, sagt er, „ist also gewissermaßen eine Cuvée.“

Die Presse

AUF EINEN BLICK

Das Zentrallager Lobau ist mit 1,6 Mio. Kubikmetern Kapazität das mit Abstand größte Treibstoff- und Erdöllager der Republik. Die 64 Tanks stehen am süd-östlichen Stadtrand Wiens mitten im Nationalpark Donau-Auen. Als strategisch bedeutsame Infrastruktur wird das Areal im Krisenfall von 600 Soldaten geschützt. Gemeinsam mit Staatsschutz und Militär wurden mehrere Alarmpläne für unterschiedlichste Szenarien entwickelt. Das einen Quadratkilometer große Gelände ist autark, hat eine eigene Wasser- und Energieversorgung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2016)

Kommentar zu Artikel:

Die eiserne Energiereserve der Republik

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen