Streetgames: Wien spielt – auch ohne Pokémon

Schnitzeljagden durch Bezirke, Agententhriller in der U-Bahn, spielerisch mit elektronischen Stadtplänen wandern: Auch ohne Smartphone wird die Stadt als Spielfeld genutzt.

Straßenspiel ohne Smartphone: Beim ersten Festival von Play Vienna wurde unter anderem auf der Kärntner Straße
Straßenspiel ohne Smartphone: Beim ersten Festival von Play Vienna wurde unter anderem auf der Kärntner Straße
Straßenspiel ohne Smartphone: Beim ersten Festival von Play Vienna wurde unter anderem auf der Kärntner Straße "Cruel 2 be kind" von Jane McGonigal gespielt. – (c) Play Vienna - Simon Repp

Wien. „Pokémon Go“ prägt diesen Sommer das Stadtbild. Hunderte jagen mit Blick auf das Smartphone durch Straßen, Parks oder vor Sehenswürdigkeiten die virtuellen Monster. Die virtuelle Spielwelt wird in die Umgebung integriert. Dabei: Die Stadt als Spielfeld ist keine neue Idee – auch Streetgames nutzen den öffentlichen Raum.

So arbeitet etwa der Verein Play Vienna seit 2009 an Ideen für kreative Stadtnutzung. Einmal im Monat kann man ihre Spiele, zum Teil noch mitten in der Entwicklung, im Museumsquartier bei der Urban Game Clinic testen. Jeder kann kostenlos mitmachen und Spiele ausprobieren.

Play Vienna organisiert auch ein Spiel, das es weltweit in verschiedenen Städten gibt. Zum zehnten Mal findet im September die „Journey to the End of the Night“ statt: „Sie basiert auf den Grundregeln von Fangenspielen“, sagt Jakob Schindler-Scholz, Mitglied der Play-Vienna-Familie. Quer durch die Stadt gibt es Checkpoints, die die Teilnehmer anhand eines Stadtplans aufsuchen und an denen sie Aufgaben lösen müssen. Vor dem Schloss Schönbrunn wurde man etwa einmal von drei extravagant gekleideten Prinzessinnen empfangen. Erst wenn man ihnen anständig den Hof gemacht und sie mit Komplimenten überschüttet hatte, durfte man weiterziehen.

Am Anfang bilden sich bei dieser Art Schnitzeljagd meist Gruppen, die gemeinsam von Station zu Station gehen. „Ich habe noch nie in der Gruppe aufgehört, in der ich angefangen habe“, sagt er, „du bist allein, aber trotzdem Teil einer Community. Von dieser Spannung lebt auch ,Pokémon Go‘.“ In der App, die schon mehr als 75 Millionen Mal heruntergeladen wurde, spielen drei Teams gegeneinander. Bei Streetgames, meint Schindler-Scholz, seien die Teilnehmer aber noch viel offener, sie wollen andere Spieler kennenlernen. Es sei auch eine der Hauptkomponenten des Vereins, soziale Kontakte zu knüpfen. So gibt es zum Abschluss der „Journey“ auch immer ein Fest.

 

Behörde kapituliert

Der Verein versucht auch, Gegenden in Spiele einzubauen, die den Spielern zum Großteil noch fremd sind. Die Stationen der Play-Vienna-Veranstaltungen stehen oft direkt in Verbindung mit ihren Standorten. Es gehe ja auch darum, die Stadt kennenzulernen. „,Pokémon Go‘ ist nur zufällig ortsspezifisch“, sagt Schindler-Scholz. Die App habe nichts direkt mit Wien zu tun. Und genau das sei der Knackpunkt von Play Vienna. „Wir haben uns den öffentlichen Raum angeeignet. Wir benützen ihn so, wie es sein sollte.“ Als Raum, in dem sich jeder aufhalten und ihn frei nutzen kann. Das fehle „Pokémon Go“.

Mittlerweile hat die große Verwunderung über die Personengrüppchen an den Straßenecken, schon etwas nachgelassen. „Pokémon hat nur durch seine Marke diesen Hype ausgelöst“, meint Schindler-Scholz, „wir aber machen Sachen, die die Leute nicht einordnen können.“ Das Magistrat im Übrigen auch nicht – Play Vienna meldet seine Veranstaltungen daher in der Regel auch nicht an, weil sie in kein Konzept passen, das die Stadt für Veranstaltungen vorgesehen hat. Wenn der Startschuss für die „Journey to the End of the Night“ dann fällt, wird das Geschehen auch schon einmal von Polizisten beobachtet.

Ein Spiel, das ebenfalls auf der Straße stattfindet, ist die Suche nach Mister X. Basierend auf dem Brettspiel „Scotland Yard“, veranstalten die Wiener Linien einmal im Jahr dieses Streetgame, das U-Bahnen und Straßenbahnen miteinbezieht. Die Teilnehmer fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch Wien und suchen den mysteriösen Mann mit schwarzem Anzug, Hut und Sonnenbrille. Unter anderem lässt er sich an seinem Aktenkoffer, der mit einem roten X gekennzeichnet ist, erkennen. Alle zehn Minuten gibt er seinen Standort per SMS an die Spieler weiter, die versuchen, ihn zu fangen. Auch diese Variante von Urban Gaming beruht auf einem uralten Spiel: dem Verstecken-Spielen.

Ein neues Konzept planen die Macher des Projekts „Citygames“ – es zielt darauf ab, die Wahrnehmung des täglichen Lebens durch einen spielerischen und kreativen Zugang zu verändern. Als Spion oder Agent folgt man dem Lauf einer Geschichte. Ein technisches Hilfsmittel ist ein interaktiver Stadtplan, der in sechseckige Teile zerlegt ist – und der den Spielern Hinweise gibt. Durch Licht-, Audio-und andere Signale werden die Spieler geführt. An den Details arbeitet das „Citygames“-Team aber noch. Spielentwickler, Künstler, Techniker und Designer basteln gemeinsam an den Konzepten und tauschen sich auch mit Vereinen aus anderen Ländern aus. Fix für die Gründer von „Citygames“ aber ist, dass ihr Spielkonzept frei nutzbar sein wird und von jedem übernommen werden kann.

 

App ist kein Muss

So ist das auch bei vielen anderen Spielen der Fall – im Internet finden sich zahlreiche Anleitungen, um eine eigene Schnitzeljagd zu veranstalten. Es gibt etwa den „Photorun“, bei dem man versucht, die Mitspieler unbemerkt zu fotografieren, selbst aber nicht abgelichtet werden soll. Oder aber „Shadow Surfing“, bei dem man sich nur im Schatten anderer fortbewegen darf, um ein ausgemachtes Ziel zu erreichen. Es sind Spiele wie diese, die das Konzept Spiel und Stadt miteinander vereinen. Mit oder ohne App.

TIPPS

„Journey“. Am 17. September findet die „Journey to the End of the Night“ in Wien statt. Infos: www.journeyvienna.at/de

Play Vienna: Jeden dritten Dienstag im Monat kann man im MQ, Raum D, Spiele testen. Infos: www.playvienna.com/de

„Mister X“ wird ein- bis zweimal im Jahr von den Wiener Linien veranstaltet.

Infos: www.facebook.com/wienerlinien

Citygames: www.citygames.wien

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2016)

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