Barcelona: Bewohner wollen ihre Stadt zurück

Die Bewohner der Stadt sprechen bereits von einer "Invasion" der Touristen. Bürgermeisterin Ada Colau reagiert mit einem Hotelbaustopp und der Jagd auf illegale Hotelbetten.

Die Flaniermeile La Rambla in Barcelona ist zu einer reinen  Touristenmeile geworden, die von Einheimischen mittlerweile  gemieden wird.
Die Flaniermeile La Rambla in Barcelona ist zu einer reinen  Touristenmeile geworden, die von Einheimischen mittlerweile  gemieden wird.
Die Flaniermeile La Rambla in Barcelona ist zu einer reinen Touristenmeile geworden, die von Einheimischen mittlerweile gemieden wird. – (c) NurPhoto/Rex Features/ picturedesk.com

Kein Ort in Spanien wird derart von Touristen überrannt wie die Stadt Barcelona. Mit der Folge, dass die Bewohner gegen die „Invasion“ zunehmend auf die Barrikaden gehen. Und Bürgermeisterin Ada Colau jetzt die Notbremse zieht: Colau verhängte ein Moratorium für neue Hotels und Touristenappartements, die sich in den letzten Jahren vervielfachten. Und sie droht Vermietungsplattformen wie Airbnb mit hohen Strafen, wenn weiter illegale Wohnungen – ohne die notwendige Tourismuslizenz – vermarktet werden.

„Die Stimmung in der Stadt kippt“, warnen Bewohner in Leserbriefen an die lokalen Zeitungen. „Das ist nicht mehr unser Barcelona.“ An Fenstern in der Altstadt hängen Transparente wie „Stoppt den Massentourismus“, „Nicht noch mehr Hotels“ oder „Der Tourismus tötet das Leben im Viertel“. Der Protest setzt sich fort auf vielen Hauswänden, die mit eindeutigen Sprüchen wie „Tourist, go home!“ verziert sind. Insofern ist auch das Ergebnis einer städtischen Umfrage zum Thema wenig überraschend. „Die Tourismusphobie in Barcelona nimmt zu“, lautet das Resümee.

30 Millionen Touristen. Rund neun Millionen Urlauber übernachteten 2015 in Hotels und offiziellen Ferienwohnungen. Etwa die gleiche Besucherzahl sei bei Familien, Freunden oder in illegalen Appartements untergekommen, schätzt das örtliche Fremdenverkehrsamt. Hinzu kamen etwa zwölf Millionen Tagesgäste, die aus dem Umland oder von den 750 im Hafen gezählten Kreuzfahrtschiffen die Stadt eroberten. Insgesamt 30 Millionen City-Touristen – in einer Stadt mit 1,6 Millionen Einwohnern. Und es wird immer enger in der Stadt: Der Touristenstrom wächst 2016 um zehn Prozent.
Das ist für Bürgermeisterin Colau, die mit ihrer linksalternativen Plattform „Barcelona vereint“ seit einem Jahr in der Stadt regiert, eindeutig zu viel. Man müsse den Besucherstrom, der sich durch die Gassen wälzt, jetzt erst einmal in geordnete Bahnen lenken, bevor man neue Urlauber anlocke. „Der unkontrolliert wachsende Tourismus hat große Ungleichgewichte geschaffen.“ Die Auswüchse dürften nicht länger „zur Verdrängung der einheimischen Bevölkerung“ führen. Colau verspricht den Bewohnern: „Wir werden euch eure Stadt zurückgeben.“

Viele Einwohner kämpfen derweil in einer Bürgerinitiative, die sich „für einen nachhaltigen Tourismus“ einsetzt: Die Einheimischen beklagen, dass wegen des Besucherbooms Mieten und Immobilienpreise explodieren – und immer mehr Hotels und Touristenappartements ihre gewachsenen sozialen Strukturen im Viertel kaputtmachen. „Deswegen haben wir beschlossen, uns zu organisieren und zu sagen: Basta!“ In einigen Gebieten im historischen Zentrum gebe es inzwischen mehr Touristenbetten als einheimische Bewohner.

„Die Geschäfte, in denen die Bewohner bisher einkaufen gingen, verschwinden“, klagt ein Sprecher der Bürgerbewegung. Stattdessen schießen Souvenirshops und Schnellrestaurants aus dem Boden. Die Altstadt gleiche immer mehr einem Vergnügungspark. „Dort, wo sich der Tourismus breitmacht, verschwinden alle anderen Sektoren.“ Die Rambla, die beliebte Flaniermeile der Stadt, habe sich in einen Touristenbasar verwandelt, wo man heute von Urlaubermassen und von den bei den Fremden populären Segway-Rollern buchstäblich überrollt werde.

Bürgermeisterin Colau warnt davor, dass der Besuchermagnet Barcelona wie das gewaltig boomende Tourismusland Spanien am eigenen Erfolg zugrunde gehen könnten. „Wir haben uns als eines der weltweiten Topreiseziele konsolidiert“, sagt sie. „Doch unkontrolliertes Wachstum könnte die Blase auch zum Platzen bringen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2016)

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