Die Neue Hofburg: Kein Platz für ein Wiener Heldenmuseum

Um die ehemalige Residenz der Habsburger am äußeren Burgplatz gab es schon früher ein Gerangel.

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(c) Clemens Fabry

Um das geplante Haus der Geschichte in der Wiener Neuen Hofburg am Heldenplatz ist es ruhig geworden. Der überraschende Abgang von Kulturminister Ostermayer hat das Projekt um weitere Monate zurückgeworfen, das angepeilte Eröffnungsdatum Herbst 2018 (100. Geburtstag der Republik) ist in weite Ferne gerückt.

Umso spannender liest sich eine Forschungsarbeit des Historikers Richard Hufschmied, der mit Oliver Rathkolb auch an der Umsetzung des Hofburg-Projekts arbeitet. Hufschmied stammt aus dem Heeresgeschichtlichen Museum (HGM) und schürft Überraschendes zutage: Es gab schon einmal, in der Zwischenkriegszeit, ein erbittertes Gerangel um Räume in der Hofburg. Die Kontrahenten waren das Kunsthistorische Museum (wie heute) und damals das HGM. Es gab den Kampf erst nach zwanzig Jahren auf – und blieb, wo es heute noch etabliert ist: im Wiener Arsenal im 3. Bezirk. Aber: Das war knapp! Die Heeresgeschichtler hatten prominente Befürworter und einige Argumente, die vor allem in der Zeit des Ständestaats (Dollfuß, Schuschnigg) auf freundliche Resonanz stießen.

Es sollte nämlich ein Heldenmuseum sein. Wo anders als neben dem Heldendenkmal beim äußeren Burgtor und am Heldenplatz konnte dies geschehen? So argumentierte der verdienstvolle Direktor des HGM, Hofrat Alfred Mell. Anders als heute verstand sich das Heeresgeschichtliche von der Eröffnung 1891 an als Künderin der ruhmreichen Geschichte der kaiserlichen Armeen, der gloriosen Siege in grauer Vorzeit. Da passte es perfekt, dass einer der berühmtesten Feldherrn, der Erzherzog Carl, Mitglied des Herrscherhauses war. Was man vom kleinen Prinzen Eugen ja nicht behaupten konnte.

Quasi ein Nationalmuseum

Wie auch immer, Dollfuß und Schuschnigg forcierten österreichisches Selbstbewusstsein, christlichen Patriotismus, deutschen Sendungsgedanken, der sich aber scharf von der bedrohlichen NS-Ideologie im Reich unterschied. Damit hoffte man, von Hitler und seiner Bewegung nicht überrollt zu werden. Hofrat Mell hatte also keine schlechten Argumente in jener Zeit, sein so abgelegenes HGM beim Südbahnhof ins Zentrum der Stadt zu verlegen, quasi als Nationalmuseum im Herzen Österreichs.

Aber auch die Gegenspieler hatten gehöriges Kaliber. Universitätsprofessor Fritz Röck, Direktor des Museums für Völkerkunde, wetterte 1935 über die „Zerstörung von Kulturwerten“, wenn das HGM hier Platz beanspruche. Ähnliches hörte und hört man seit 2015, weil Ostermayer im Handstreich das Völkerkundemuseum verkleinern ließ und die Sammlung alter Musikinstrumente bis Jänner 2017 übersiedeln muss.

Naturgemäß meldete sich damals auch der Völkerkunde-Professor Wilhelm Koppers in der „Reichspost“ zu Wort. Mit Argumenten, die uns Heutigen sehr vertraut klingen: Es sei ein „Kulturbruch in des Wortes böser Bedeutung“, wenn man das Völkerkundemuseum beschneiden wolle. Das wieder ließ Direktor Mell nicht auf sich sitzen. Drei Wochen später schrieb er in derselben christlich-sozialen „Reichspost“, nur die Hofburg komme für sein Nationalmuseum in Frage, und nichts anderes: „Die abstrakte – religiöse – Verherrlichung allen Soldaten- und Heldentums im Heldendenkmal wird im Mitteltrakt die konkrete – profane – Fundierung, Erklärung und Ausführung anhand von drei Jahrhunderten vaterländischer Geschichte erfahren...“

Unter diesem Aspekt hatte Mells Anliegen natürlich Sinn. Man besann sich ja auch beim Bundesheer der Ersten Republik immer deutlicher der Tradition der Monarchie. So wurden, schreibt Hufschmied, bereits 1925 Fahnen und Standarten nach alten Mustern aus der Monarchie wieder eingeführt. 1933 ging man sogar so weit, dass man die k. u. k. Uniformmuster aus dem Ersten Weltkrieg wieder einführte.

Otto, der „Hausherr“

Mell führte noch einen Promi für seinen Plan an: Otto von Habsburg hatte aus dem Exil im belgischen Steenockerzeel eine recht freundliche, nichtssagende Antwort geschickt. Dies benützte Mell in seinem Brief an den Ministerrat als gewichtiges Argument, schließlich sei Erzherzog Otto ja „der eigentliche Hausherr“ der Hofburg...

Die Diskussionen gingen kreuz und quer. Schuschnigg war für die Hofburg („eine glückliche Idee“). Der Staatssekretär im Unterrichtsministerium, Hans Pernter, wagte hingegen den Einwand, die Waffensammlung des KHM und die Nationalbibliothek dürfe man nicht beschneiden. Auch einige Mitarbeiter Mells hatten ihre Bedenken: Das Stiegenhaus der Hofburg, sagte der Generalkustos des HGM, sei „museal unverwertbar“. Auch ein Argument, das wir aus der aktuellen Debatte kennen.

Der Anschluss beendete den Disput

1937 hatte HGM-Direktor Mell seine Pläne noch konkreter gemacht. Man benötige lediglich zusätzlich „einen Portier, einen Garderobier, fünf Aufseher und eine Bedienungsfrau“. So könnte man endlich 1938 das Museum eröffnen. Im März desselben Jahres war all das Makulatur. Die Deutsche Wehrmacht übernahm das Heeresmuseum, dem Chef des Berliner Heeresmuseums unterstanden ab sofort neben dem sächsischen Armeemuseum in Dresden und dem bayerischen in München auch das Wiener Haus. Mell, der den Anschluss enthusiastisch begrüßt hatte, gab noch nicht auf. Aber Reichsstatthalter Arthur Seyß-Inquart beendete den Disput mit der eher simplen Begründung: Alles, was in der Ära Schuschnigg besprochen wurde, sei null und nichtig.

Nur durch den Krieg gelangten Teile des HGM aus dem Arsenal 1944 doch noch in die Hofburg: Am 10. September zerstörten 140 US-Bomber das Wiener Arsenal mit seinen Betrieben zum Teil. Da lagerten schon viele Museumsstücke in einem Keller der Hofburg. Als Mell nach 1945 noch immer seine Hofburg-Pläne wälzte, teilte ihm der Staatssekretär Julius Raab ein für allemal mit, dass in der Burg „kein Platz für das HGM“ sei. Anfang 1950 ging der hartnäckige Museumsdirektor in Pension.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2016)

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