Wien: Ein Prügelvideo und seine Folgen

Eine 15-Jährige wird von vier Jugendlichen so hart geschlagen, dass sie einen Kieferbruch erleidet. Ein Video der „Bestrafung“ landete auf Facebook – und löst nun eine Debatte aus.

Beim Donauzentrum: Tatort an der Ecke Siebeckstraße/Wagramer Straße.
Beim Donauzentrum: Tatort an der Ecke Siebeckstraße/Wagramer Straße.
Beim Donauzentrum: Tatort an der Ecke Siebeckstraße/Wagramer Straße. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Das Video ist verstörend. Ein 15-jähriges Mädchen steht da, hat seine Hände in den Jackentaschen und lässt eine Art Bestrafung über sich ergehen. Das Opfer wird von drei anderen Mädchen und einem Burschen nacheinander brutal geohrfeigt. Und schwer verletzt. Die Szene wird auf Video festgehalten und landet auf Facebook. Mittlerweile sind die Täter ausgeforscht, und eine öffentliche Debatte um die „Verrohung der Gesellschaft“ ist entbrannt.

Ebendiese Worte verwendete am Montag Bundeskanzler Christian Kern, der sich in jenem Medium zu Wort meldete, in dem alles seinen Ausgang nahm, eben auf Facebook. „Das brutale Prügelvideo, das derzeit durch die sozialen Medien geht, ist schockierend. Eine derartige Verrohung der Gesellschaft dürfen wir nicht akzeptieren. Solche Bilder und Taten, egal, von wem begangen, wollen und werden wir in Österreich nicht zulassen. Die Täter werden ihrer Strafe nicht entgehen (. . .)“, so Kern.

Auf Facebook hatte vergangenen Donnerstag auch die Tätersuche begonnen. Bis Montagnachmittag war das Handyvideo mehr als drei Millionen Mal angeklickt worden. Der männliche Angreifer, ein 16-jähriger Tschetschene, hatte sich am Sonntag der Polizei gestellt. Der Druck war zu groß geworden. Namen und Telefonnummern der Angreifer waren in Kommentaren zu dem Video veröffentlicht worden. Zuletzt gingen mehr als 20.000 Kommentare unter dem Video ein, darunter auch Hassbotschaften, die nun von der Polizei ausgewertet werden.

 

„Kopftuch runtergezogen“

Viele Kommentare beziehen sich auf die Brutalität der rituell anmutenden Bestrafung: Als das Opfer – die Tat ereignete sich vorigen Mittwoch in der Siebeckstraße in Wien Donaustadt – aus Mund und Nase blutet, wird es aufgefordert, Blut zu spucken, damit auch dies gefilmt werden könne.

Das Tatmotiv ist noch unklar. Die Polizei spricht von „nichtigen Meinungsverschiedenheiten“, im Video ist allerdings zu hören, wie die Schläger aufgestachelt werden: „Sie hat Kopftuch runtergezogen, Mann, demolier sie!“

Das Quartett – ihm gehören Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund an – muss nun mit Strafverfahren rechnen. Eine der drei weiblichen Jugendlichen, eine 16-Jährige, wird überdies wegen eines ähnlichen Vorfalls, begangen am 3. November, verfolgt.

Das Opfer musste operiert werden, es befindet sich im Krankenhaus. Auf sozialen Medien ist die Rede davon, dass sich die 15-Jährige aus Angst vor noch stärkeren Repressalien nicht gewehrt habe.

Ob nun die Täter tatsächlich „ihrer Strafe nicht entgehen werden“, wie Kern schreibt, ist fraglich. Strafmündig ist man zwar ab 14, vielfach wird im Jugendstrafrecht (dieses ist anzuwenden) von der Verfolgung abgesehen, also von der Diversion Gebrauch gemacht. Dies kann in einen Tatausgleich münden, also einer Aufarbeitung der Tat inklusive Schadensgutmachung, tunlichst unter Einbeziehung des Opfers. Ferner könnte anstelle einer weiteren Verfolgung das Verrichten von gemeinnützigen Leistungen stehen. Eine Geldbuße (auch diese ist bei Diversion möglich) wäre hier „kontraproduktiv“, meint der Sprecher des Bewährungshilfevereins Neustart, Christian Zembaty. Er weist auch darauf hin, dass die Möglichkeit bestehe, Bewährungshilfe für die Jugendlichen noch vor einer gerichtlichen Entscheidung über die Tat anzuordnen.

Was die Rechtsfolgen anlangt, so weist der unter anderem auf Medienrecht spezialisierte Anwalt Michael Rami auf die Verletzung des Bildnisschutzes hin – hier könne derjenige, der das Video veröffentlicht hat, zivilrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Die Abbildung des Opfers (Identifizierung) könne mitunter auch strafrechtlich, gemäß Mediengesetz, geahndet werden. Auf diesem Weg könnten ebenfalls Entschädigungszahlungen fällig werden.

 

„Fehlendes Selbstwertgefühl“

Die Leiterin der Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft, Monika Pinterits, macht darauf aufmerksam, dass es sich bei den vier Jugendlichen wohl um Menschen handle, denen das Selbstwertgefühl fehle. Solche Menschen würden verzweifelt versuchen, durch Gewaltaktionen Beachtung – auch mediale Beachtung – zu erlangen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2016)

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