Phänomen "Hängende Schuhe" erobert Wien

Immer wieder tauchen Schuhe auf Oberleitungen auf - seit neuestem auch in Wien. Über die Gründe herrscht Rätselraten. Im Internet werden Fotos vom "Shoefiti" gesammelt und verbreitet.

(c) DiePresse (Teresa Zötl)

WIEN.Sie tauchen auf Stromleitungen auf oder auf Ampeln, meistens sind sie ein wenig ausgetreten. Und bisher kannte man sie nur aus anderen Städten, vor allem aus den USA: jene Schuhe, die, an den Schuhbändern zusammengeknotet, in luftiger Höhe den öffentlichen Raum bereichern. Jetzt hat das Phänomen, sich an exponierten Stellen seines alten Schuhwerks zu entledigen, auch Wien erreicht.

Immer wieder werden in der Innenstadt baumelnde Schuhe gesichtet, bevorzugt rund um den 7. Bezirk, etwa in der Neubaugasse / Ecke Mariahilfer Straße (wo sie mittlerweile wieder verschwunden sind) oder beim Museumsquartier. Die Frage ist: warum nur?

Erklärungsversuche zu dieser nicht ganz neuen Übung gab es in der Vergangenheit viele, der Großteil dürfte in die Kategorie „urban legend“ fallen. Das Internetlexikon Wikipedia widmet dem Thema „Shoe tossing“ (Schuhwerfen) immerhin einen umfangreichen Eintrag. Demnach sollen die Schuhe in amerikanischen Großstädten Drogenumschlagplätze, Gangreviere oder auch den Mord an einem Gangmitglied markiert haben.

Weniger wilde Gerüchte bringen das Phänomen etwa mit Schulschluss in Verbindung. Auch abrüstende Soldaten werden als Begründer dieses Brauchs vermutet, während in Schottland junge Männer angeblich auf diese Art und Weise den Verlust ihrer Unschuld anzeigen sollen. Zu Ehren kam das Schuhwerfen bereits 1997 als Propaganda-Maßnahme im Hollywood-Film „Wag the Dog“.

Aufmerksamkeit durch „Shoefiti“

Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung würde das Phänomen am schlüssigsten in den Bereich Street Art einreihen. Immerhin heißt das Schuhe-über-Leitungen-Werfen längst auch „Shoefiti“ – in Anlehnung an Graffiti.

Gerade weil Letztere ob ihrer Menge im urbanen Raum längst nicht mehr wahrgenommen werden, glaubt Ikrath, dass so mancher mittlerweile lieber zum Schuh als zur Spraydose greift, um im öffentlichen Raum ein Zeichen zu hinterlassen. „Dabei geht es nicht um Territorien, sondern darum, Aufmerksamkeit zu erregen.“ Das gehe mit Schuhen mittlerweile leichter als mit Graffiti. Letztlich, meint Ikrath, brauche man als Schuhwerfer nicht einmal künstlerisches Geschick. Der Sinn der Übung sei ähnlich jener, eingeritzte Initialen zu hinterlassen. „Es gibt keine tiefsinnige Aussage, es heißt wohl eher: Ich war da.“

Nicht zuletzt, da die gern verwendeten Sneaker für viele quasi persönliche Kultobjekte sind. Ikrath: „Man war in den Schuhen weite Stücke seines Lebens unterwegs. Am Ende bringt man es nicht übers Herz, sie wegzuwerfen. Und führt sie vielleicht so einem letzten Zweck zu.“ Er rechnet damit, dass in nächster Zeit noch mehr Schuhe auftauchen könnten. „Wenn so etwas einmal Fuß gefasst hat, geht das schnell.“

Das war zuletzt in Leipzig zu beobachten, wo im Herbst nach dem ersten Paar Schuhe plötzlich überall Treter auftauchten und sich Shoefiti zum Trendsport entwickelte. In der für Straßenbeleuchtung zuständigen MA 33 hat man vom Schuhtrend nichts bemerkt. Generell, heißt es, würde alles, was sich so in den Leitungen verfängt und auffällt, entfernt. „Alles andere bräuchte eine Genehmigung.“

Auf einen Blick

Shoefiti heißt der nicht ganz neue Trend, an den Schuhbändern verknotete Schuhe über Leitungen zu werfen. Alternativ werden gerne auch Bäume mit Schuhen behängt.

Im Internet sammelt der Bilder-Pool Flickr Fotos von Sichtungen, ein Blog (shoefiti.com) sucht nach Erklärungen, und ein Internetshop bietet eigens LED-Lampen, auf dass die aufgehängten Schuhe leuchten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2010)

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