Kebab-Hype: Wien zieht Bremse

Dem türkischen Fast Food weht rauer Wind entgegen: Zunehmend werden Klagen laut, dass es zu viele Imbissstände gibt – und diese zudem das Ortsbild verschandeln. Offen gesagt wird das aber äußerst selten.

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

WIEN. Dem Kebab geht es an den Kragen. Immer häufiger hört man in der Bevölkerung Klagen, dass die Stände, an denen türkisches Fast Food verkauft wird, überhandnehmen. Die Argumente, mit denen der Kampf gegen Döner, Dürüm & Co. eröffnet wird, sind dabei höchst unterschiedlich. Und es scheint, als würde der drehende Fleischspieß ähnlich wie das Minarett zum Symbol der Fremdheit stilisiert, hinter dem sich Angst vor Migranten versteckt.

Ähnlich wie bei den islamischen Gebetstürmen wird dies allerdings nicht offen gesagt, sondern über Umwege – etwa die Optik. So kritisierte etwa die FPÖ kürzlich in einer parlamentarischen Anfrage an das Wirtschaftsministerium, dass der „massive Anstieg von Kebab-Verabreichungsplätzen“ zum einen das Ortsbild verschandeln, zum anderen auch den österreichischen Tourismusstandort beeinträchtigen würde.

Eine Sorge, die man in der für Architektur und Stadtgestaltung zuständigen Wiener MA 19 tatsächlich teilt. Dabei, so Oberstadtbaurat Richard Kronberger, gehe es aber nicht um das Kebab an sich: „Wir beurteilen nicht das Produkt, sondern den Stand.“ Und gerade bei Kebabständen gebe es immer wieder Dinge, die sich nicht mit der Architektur der Stadt vertragen würden.

 

Kein Platz für neue Stände

„Es stört aufdringliche, farbintensive Werbung“, so Kronberger, „die eigenwillig und ziemlich flächendeckend angebracht wird“. Ein Problem, das vor allem bei Kebabständen massiv auftrete – bei Würstelständen hätte man diese Sorgen nicht.

Es ist aber nicht nur die optische Gestaltung, auch die pure Masse ergibt für die Stadtplaner ein Problem: „Die Möglichkeit, neue Stände aufzustellen, ist kaum mehr vorhanden“, so der Experte der MA 19, „der optische Freiraum in den Straßen ist schon sehr eingeschränkt“. Vor allem rund um Verkehrsknotenpunkte sind Kioske und Imbissstände schon inflationär – am Wiener Urban-Loritz-Platz etwa finden sich im Bereich der Straßenbahn- und U-Bahn-Haltestelle sechs Imbissstände, beim Überqueren der Straße Richtung Stadthalle begegnet man Stand Nummer sieben.

Was die Vielfalt angeht, herrscht aber eher Dürre. An fünf Ständen gibt es Kebab – zwei davon bieten zusätzlich Pizzaschnitten, einer heiße Wurst an. Ein weiterer Kebabstand ist wegen Umbaus bis Ende Jänner geschlossen. Bleibt noch ein Kiosk, dessen Aufschrift „Würstlmausi“ verrät, dass es sich um einen klassischen Würstelstand handelt. Ein Bild, das zunehmend für Diskussionen sorgt. Immer wieder erklingt die Klage, dass die Kebabstände den klassischen Wiener Würstelstand verdrängen. Zu Recht?

„Keine Sorge um die Würstelstände“, hat Josef Bitzinger, Spartenobmann für Tourismus- und Freizeitwirtschaft in der Wiener Wirtschaftskammer und selbst Inhaber zweier Stände. „Würstelstände wird es immer geben.“ Doch auch er meint, dass das Fleisch vom Spieß mittlerweile eine dominante Rolle eingenommen habe: „Bei Kebab ist der Plafond schon überschritten.“

 

Mehr Würstel als Kebab

In nackten Zahlen sieht das Bild nicht so dramatisch aus, wie es oft gezeichnet wird. Die MA 59 (Marktamt) verzeichnet in ihrer Statistik 157 Würstelstände, denen 106 sonstige Kioske gegenüberstehen. „Darunter fällt Kebab, aber auch Pizza oder indische Küche“, sagt Alexander Hengl, der als Lebensmittelprüfer die Kioske laufend kontrolliert – ohne größere Beanstandungen übrigens: „Es gibt das Klischee, dass Menschen mit Migrationshintergrund weniger Wert auf Hygiene legen“, sagt Hengel, doch da sei nichts dran: „Würstelstände sind teilweise nicht so sauber wie Kebabstände.“

In der Lokalgastronomie spielt Kebab ebenfalls eine untergeordnete Rolle: Von den rund 8500 Wiener Gastronomiebetrieben werden knapp 130 als Kebablokale geführt – weitgehend Restaurants mit orientalischer Küche, in denen unter anderem auch Kebab auf der Speisekarte steht.

HINTERGRUND

Freie Gastronomie: Zum Betreiben eines Kebabstandes ist kein Befähigungsnachweis nötig. So wie bei Würstelständen muss der Betreiber nur Österreicher, EU-Bürger oder Drittstaatsangehöriger mit Genehmigung sein – und das 18. Lebensjahr erreicht haben. Schwierig ist es vor allem, einen Standplatz zu bekommen – mittlerweile werden kaum mehr Genehmigungen dafür erteilt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2010)

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