Wut gegen Schikaneder: Wer darf hier hinein?

Die Junge ÖVP lädt zur Versammlung im Wiener Schikaneder. Das sorgte für viele Hasspostings und wenig konstruktive Kritik auf Facebook. Die Polizei schickte Dienstagabend 60 Beamte zur nicht genehmigten Demo.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Sie nennen sie „Freiraum zurück“. Mit einer Protestveranstaltung vor dem Szenelokal Schikaneder wollte eine Gruppe von Menschen (initiiert vom Verein Open Air Democracy mit Sitz im 18. Bezirk) Dienstagabend gegen eine Veranstaltung der Jungen ÖVP in dem Wiener Lokal protestieren. Geworden ist es am Ende ein friedliches Herumstehen vor dem Lokal mit Gesprächen und Bier in der Hand.

Dennoch war die Polizei aus Sorge vor Zusammenstößen mit etwa 60 Beamten angerückt. Mehr als ein Beamter pro Demonstrant: Etwa 40 Gegner der Veranstaltung hatten sich vor dem und im Schikaneder versammelt, etwa 200 JVP-Mitglieder nahmen an dem Treffen teil. Man beäugte sich gegenseitig kritisch – aber das war's: Zu den von manchen befürchteten Ausschreitungen kam es nicht, nicht einmal zu heftigeren Diskussionen.

Die Aktion ist der vorläufige Höhepunkt eines Streit, der mit viel Hass und Emotionen auf Facebook ausgetragen wurde. Dort wird seit dem Wochenende diskutiert, ob es verwerflich ist, dass ein Lokal, dessen Kernklientel dem linken Meinungsspektrum zugeordnet wird, der JVP ihr Räumlichkeiten vermietet. Also jener Jugendorganisation, deren türkise Mutterpartei gerade eine Koalition mit einer rechten Partei einer Regierung eingegangen ist.

Für manche Stammgäste ist das ein Affront. Die Postings sind nichts für Zartbesaitete: Viele rufen zum Lokalboykott auf, es werden Nazi- und Prostitutions-Vergleiche gezogen, es wird von einer Kellnerin erzählt, die angeblich bespuckt wurde.

"Manche Dinge muss man aushalten"

Der Hass und die Angriffe auf seine Familie und ihn sind es, die Johannes Wegenstein aus der Fassung bringen, der sich im Vorfeld je nach Tagesverfassung mal „kämpferisch“, mal „frustriert“ gab. Dabei sei ein einfacher Fehler Schuld an dem Vorfall. „Eigentlich geben wir keinen politischen Organisationen einen Raum, aber das ist nicht kommuniziert worden, weil ich auf Urlaub war“, sagte der Chef des Schikaneder. Zuerst wollte er das Event sogar noch absagen, dann hat er sich aber umentschieden, als der Shitstorm gegen das Lokal einsetzte. „Manche Dinge muss man aushalten.“

Man habe einen Fehler gemacht, aber für Hass lasse man sich nicht instrumentalisieren. Die Idee des Schikaneders sei es immer gewesen, ein Ort des Gesprächs zu sein: „Wir sind ein Freiraum, aber wir sind kein Freiraum, der mit Parolen andere Meinungen niederprügelt.“ Er hasse „jede Form von Prügelargumenten. Ob links oder rechts.“ Dass er ins rechte Eck gestellt werde, schmerze ihn umso mehr, als Vorfahren seiner Familie im KZ umgebracht worden seien. Auch eine Anbiederung an die neue Regierung verbittet er sich: Für die JVP-Veranstaltung bekommt das Lokal gerade einmal 300 Euro.

Alte Stammkunden aus der JVP

Dass es gewählt wurde, hat einen einfachen Grund. Einige JVPler sind Stammkunden, was bisher offenbar niemanden störte. Das bestätigt auch JVP-Landesobmann Nico Marchetti. Der sagt, man habe sich aus einem „relativ banalen Grund“ für das Schikaneder entschieden. Man wolle an diesem Abend auch ein Video zeigen, habe also nach einem Kino mit angeschlossener Bar gesucht. Das Schikaneder liege zudem zentral, er selbst gehe in der Freizeit auch immer wieder hierher.
Im Vorjahr habe man den Empfang in der Ankerbrotfabrik gemacht, „auch nicht gerade eine klassische JVP-Location“, sagt Marchetti. „Und damals gab es überhaupt keine Probleme“. Er sagt, manche hätten „ein falsches Bild von der JVP. Wir sind diverser als manche glauben. Und vor allem „weit weg von einer radikalen Gruppe“. Marchetti ist von den Auswüchsen der Debatte überrascht. Sollen sich alle politischen Gruppierungen künftig die Wiener Lokale untereinander aufteilen, fragt er?

Die Veranstaltung der JVP fand schließlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Welche Lokale welchen Gästen Zutritt gewähren, war in den vergangenen Jahren immer wieder Thema in Wien. So kündigte unlängst die Bar „Parfümerie“ auf Facebook an, keine „Rechten“ zu bedienen. Das Posting wurde mittlerweile gelöscht. Und es gibt Lokalbetreiber, die FPÖ-Mitgliedern den Zugang verwehren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2018)

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