„Riende“ im alten Griensteidl

Das Hipster-Kaffeehaus mit Designshop Rien am Michaelerplatz ist Geschichte, demnächst eröffnet dort das nächste Pop-up-Kaffeehaus. Was vom Testlabor Rien bleibt.

Ob der Wal an der Decke im nächsten Zwischennutzungslokal bleiben darf, ist noch unklar. Die Namen Rien und Griensteidl sind jedenfalls Geschichte.
Ob der Wal an der Decke im nächsten Zwischennutzungslokal bleiben darf, ist noch unklar. Die Namen Rien und Griensteidl sind jedenfalls Geschichte.
Ob der Wal an der Decke im nächsten Zwischennutzungslokal bleiben darf, ist noch unklar. Die Namen Rien und Griensteidl sind jedenfalls Geschichte. – (c) Clemens Fabry

Rien ne va plus, nichts geht mehr, könnte man sagen, schließlich ist das alte Griensteidl schon seit vorigem Sommer Geschichte, am Samstag, hat dann auch das Rien, das davon übrig blieb, unter dem Motto „Riende“ seinen letzten Tag begangen. Ein trauriges Ende, wenn man dem Personal, den Stammgästen und den Liebhabern zuhört – aber eines, das geplant war.

Das Rien (auf Französisch: nichts) war knapp ein halbes Jahr eine Spielwiese, ein Testlabor, ein Hipster-Lokal im alten Traditionscafé-Ambiente, eine offene Bühne, ein Lokal mit angeschlossenem Designshop Rienna. In den wenigen Monaten ist einiges entstanden.

„Es ist sehr gut gelaufen, wir waren die fünfeinhalb Monate voll“, sagt Matthias Felsner von der Konzeptagentur Friendship.is, die vorigen Sommer vom Eigentümer des Hauses beauftragt wurde, per Zwischennutzung herauszufinden, was an diesem Ort möglich ist. Das Fazit? „Unser Ziel war es, die Jungen in diese Ecke der Innenstadt zu bringen. Wir haben ein verbindendes Kaffeehaus geschaffen, in das der Hipster genauso geht wie Touristen oder die Oma, die früher im Griensteidl war. Wir haben auf Qualität geachtet, alles im Haus produziert, personalintensiv gearbeitet. Wirtschaftlich ist unser Fazit, dass sich das in so einer Lage nicht ausgeht. Hier funktioniert nur Systemgastronomie mit weniger Personal und viel Take-away.“

Mit dem Rien schnell Geld zu machen sei ohnehin nicht Ziel gewesen. „Uns hat der Eigentümer die Miete erlassen, anders wäre das Projekt, inklusive Umbau, Website usw. in der Zeit nicht zu machen gewesen. Unser Ziel war eine schwarze Null plus Taschengeld.“ Das inhaltliche Fazit: Ein Kaffeehaus in Innenstadtlage funktioniert auch anders. „Es sind wieder mehr Wiener gekommen, wir haben es geschafft, die Leute mit der Gastronomie, mit Konzerten, Open Stage oder Designshop zu begeistern und zu zeigen, dass hier auch nach 18 Uhr noch Leben herrscht.“ Damit ist Schluss, am Samstag wurde Abschied gefeiert.

Schluss mit dem Gastrobetrieb am Michaelerplatz 2 ist allerdings nicht. Nun ist für wenige Wochen geschlossen, um den 21. Februar soll der nächste Pop-up-Betrieb eröffnen. Was genau kommt, ist noch im Entstehen. „Wir sind im Finale der Planung, aber wir wollen einen möglichst nahtlosen Übergang“, sagt Cathrin Mittermeier, die das neue Lokal, das die Donauturm-Gastronomiebetriebe führen, als Projektleiterin verantwortet.


Griendsteidl und Rien sind Geschichte. Ob der Wal und der Gorilla, die stadtbekannten Deckengemälde des Rien, bleiben dürfen, ist nicht klar. Fest steht jedenfalls, die Namen Griendsteidl und Rien wird das neue Lokal nicht tragen. Und auch dessen Ende ist abzusehen: Das Projekt läuft bis Jahresende.

Die Friendship-Leute hätten ebenfalls die Möglichkeit gehabt, mit dem Rien weiterzumachen. Aber „wir haben keine Zeit“, sagt Felsner. Das Projekt war bis Ende Jänner geplant, und diejenigen, die das Rien gemacht haben, sind nun wieder anderweitig eingespannt: Geschäftsführer Hubert Peter macht sich mit Küchenchef Lucas Steindorfer selbstständig, Pâtissière Viola Bachmayr-Heyda tut es ihnen gleich, andere wechseln zum Team von Friendship oder gehen in ursprüngliche Berufe zurück – ein Kellner etwa, der eigentlich Filmschaffender ist, widmet sich wieder dem Film.

Und um ein neues Team aufzubauen habe die Zeit gefehlt, sagt Felsner. Bei Friendship stehen nun ein Grätzlprojekt im 15. Bezirk, das Forum FAQ in Vorarlberg und ein Fahrradprojekt mit der Mobilitätsagentur an, „es zerreißt uns ziemlich“, sagt Felsner, insofern beende man das Projekt Rien wie geplant. Rienna, der Designshop, soll weiterbestehen. In diesem Shop wurden in Summe 50 Wiener Designer vorgestellt, in einer Innenstadtlage, „die sie sich sonst nie im Leben leisten könnten“, so Felsner. Er spricht von Rienna als Herzensprojekt, nun sucht das Team dafür eine permanente Location. „Wir würden das gern als fixe Einrichtung in der Stadt sehen.“

Vielleicht am Michaelerplatz? Dort sieht er großes Potenzial bzw. eine große Brache. „Eigentlich wäre das mit Hofburg oder Looshaus Zentrum der Innenstadt, aber im Grunde ist der Platz derzeit nur ein großer Kreisverkehr mit einem Loch, in das Touristen schauen. Es wäre ein großartiger Platz, aber er ist schlecht genutzt“, meint Felsner, der in dem „Retorten- und Einheitsbrei“ rund um Kohlmarkt und Goldenes Quartier junge Gastronomie, die auch die Wiener anspricht, oder besondere Verkaufsflächen vermisst.

Ob sich die Adresse Michaelerplatz 2 in Zukunft davon unterscheiden kann? Unklar. Es gab Gerüchte, auch hier komme eine Handelsfläche, Ketten wie Zara waren im Gespräch. „Wenn das gewollt wäre, hätte man es längst machen können“, sagt Thomas Huemer, der Sprecher der Schweighofer-Gruppe. Der Holzindustrielle Gerald Schweighofer ist Eigentümer des Hauses, er will sich, so sein Sprecher, noch offenlassen, wie es längerfristig weitergeht. „Die Intention ist zu schauen, was an diesem Platz möglich ist. Das Rien hat super funktioniert, aber es war das eine Extrem, das neue Kaffeehaus wird ökonomischer orientiert sein“, sagt Huemer. Und auch das zweite Pop-up-Café sei nun ein Experiment, um zu schauen, was geht. Immerhin wolle man einen belebten Platz, ein belebtes Viertel, das sich von dem rund um den Kohlmarkt unterscheidet – nur, es müsse auch ökonomisch funktionieren.

Geschichte

Das Café Griensteidl am Michaelerplatz war einmal ein berühmtes Künstlerkaffeehaus. 1847 von Heinrich Griensteidl eröffnet, trafen sich hier Literaten wie Grillparzer, Schnitzler oder Kraus, auch war es ein Hauptquartier der Arbeiterbewegung. 1897 wurde das Gebäude abgerissen, die Künstler siedelten ins nahe Café Central ab.

1990 wurde am selben Ort im neuen Gebäude, dem Palais Herberstein, eine Retortenversion des Griensteidl eröffnet und bis 2017 vom Cateringunternehmen Do & Co geführt.

Im August 2017 wurde daraus das Rien. Die Projektschmiede Friendship.is wurde vom Eigentümer, dem Industriellen Gerald Schweighofer, beauftragt, das Lokal als eine Art Testlabor zu bespielen, um zu klären, was an diesem Ort funktioniert. Dieses Projekt ist nun zu Ende.

Um den 21. Februar geht es im alten Griensteidl abermals mit neuer Gastronomie weiter: Die Betreiber der Donauturm-Gastronomie übernehmen mit eher wirtschaftlich orientierter Gastronomie bis Ende des Jahres. Was dann kommt, ist offen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2018)

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