Kinder exerzierten in Tarnuniformen in Wiener Atib-Moschee

Die Jungen sollen eine Schlacht nachgestellt und salutiert haben - all das in Tarnuniform. Stadtrat Czernohorszky (SPÖ) beauftragte das Jugendamt. Die Bilder des Vorfalls bei dem türkischen Verein seien "extrem verstörend".

Atib-Zentrum in der Wiener Gudrunstraße (Symbolbild)
Atib-Zentrum in der Wiener Gudrunstraße (Symbolbild)
Atib-Zentrum in der Wiener Gudrunstraße (Symbolbild) – Die Presse/Stanislav Jenis

Die Stadt Wien prüft Vorgänge in einer Moschee des türkischen Vereins Atib ("Avusturya Türk İslam Kültür ve Sosyal Yardımlaşma Birliği") im Bezirk Brigittenau. Im Internet waren Fotos aufgetaucht, die kleine Buben beim Exerzieren in Tarnuniform zeigen. Das Jugendamt sei angewiesen worden, die mutmaßlich "jugendgefährdenden Umtriebe" in der Einrichtung zu untersuchen, bestätigte das Büro von Stadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) einen Bericht des "Falter".

Nachstellung der Schlacht von Gallipoli

Die Bilder aus der Atib-Moschee wurden Mitte März auf der Facebook-Seite des Gebetshauses veröffentlicht. Mehrere Buben salutieren darauf vor der türkischen Flagge, auch Mädchen mit Kopftuch sind darauf zu sehen. Dabei soll es sich um eine Nachstellung der Schlacht von Gallipoli handeln, welche die Türken im Ersten Weltkrieg gewonnen hatten und nun von Nationalisten glorifiziert wird. "Çanakkale Märtyrer respektvoll in Erinnerung", lautet ein Foto-Kommentar auf Facebook.

Das Amt für Jugend und Familie prüft nun im Auftrag der Stadt Wien eine mögliche Kindeswohlgefährdung. Zudem fordert Czernohorszky das im Bundeskanzleramt angesiedelte Kultusamt dazu auf, der Sache ebenfalls nachzugehen. Die Bilder seien "extrem verstörend", hieß es aus dem Büro des Stadtrats.

Aus der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) hieß es zur "Presse", dass man vom Verein Atib eine klare und unmissverständliche Stellungnahme erwarte. Es gebe jedenfalls einen großen Erklärungsbedarf. Es sei anzunehmen, "dass es um eine Veranstaltung zum Gedenken der Schlacht von Gallipoli 1918 geht, wie sie in der Türkei üblich sind. Dies in einer österreichischen Moscheeräumlichkeit abzuhalten, bringt eine Optik mit sich, die das Ansehen der Muslime in Österreich schwer schädigen kann". Es stehe im Raum, "dass die damalige Opferbereitschaft instrumentalisiert wurde, um das türkische Nationalgefühl und die Märtyrerbereitschaft anlässlich aktueller kriegerischer Konflikte zu stärken". Dass Kinder dazu herangezogen würden, wirke dabei besonders verfehlt.

Kultusamt soll prüfen

ÖVP-Kanzleramtsminister Gernot Blümel beauftragte nach dem Bericht das Kultusamt damit, die Vorkommnisse zu überprüfen. "Ich bin entsetzt", kommentierte er die im Internet aufgetauchten Bilder. Es sei bezeichnend, dass solche Fälle erneut in Wien auftreten. "Hier wurde viel zu lange weggeschaut", meinte der Kanzleramtsminister. Das Kultusamt werde sich nun mit einer "genauen Prüfung aller Fakten" befassen.

Atib ist ein Verein, der direkt dem Türkischen Amt für Religion und somit der Linie der türkischen Regierungspartei AKP von Premier Recep Tayyip Erdoğan untersteht. Am Abend nahm der Verein dann Stellung, wonach bereits vor Wochen gehandelt worden sei:

Atib-Stellungnahme

Die in der heutigen Presse erschienenen Fotos von Kindern in Militäruniformen aus einer ATIB Moschee in Wien sind in mehrfacher Hinsicht bedauerlich:

Sie sind zunächst deshalb bedauerlich, weil die Presseberichte mit keinem Wort die harte Reaktion der ATIB Zentrale anlässlich des Vorfalles erwähnen. Die Veranstaltung wurde lange vor den Presseberichten seitens der ATIB Zentrale sofort nach Bekanntwerden noch vor ihrem Ende auf ausdrückliche Anordnung des Dachvereines abgebrochen. Gleichzeitig wurde nach einer ausführlichen Untersuchung der dafür verantwortliche Obmann des Mitgliedsvereines zum Rücktritt veranlasst.

 

Bedauerlich ist auch, dass es sich grundsätzlich um eine Veranstaltung handeln sollte, die keineswegs dem türkischen Nationalismus und Militarismus dienen soll. Ganz im Gegenteil: Die alljährliche Gedenkfeier zur Ehrung von mehr als 300.000 gefallenen Soldaten im Jahr 1915 wird in vielen Staaten gefeiert und soll ein Mahnmal an die kriegerischen Auseinandersetzungen darstellen und für Frieden zwischen den Nationen stehen. Auch in Australien und Neuseeland feiern tausende Menschen alljährlich die Landung ihrer Truppen an der Küste von Gallipoli. So ist mittlerweile der „Anzac Day“ insbesondere in Australien der wichtigste nationale Feiertag geworden.

 

Die Ausrichtung einer solchen Veranstaltung in einer Moscheeeinrichtung und die Teilnahme von Kindern als Protagonisten der Veranstaltung hat sie aber völlig zweckentfremdet. Gerade aus diesem Grund hat der Vorsitzende der ATIB Union gleich nach Bekanntwerden der Veranstaltung diese sofort untersagt und abbrechen lassen. Die ATIB Union erwartet sich von allen Mitgliedsvereinen und Mitgliedern eine besondere Sensibilität und vorbildhaftes Verhalten bei der Vermittlung von Werten und im Auftreten in der Öffentlichkeit. Diese Entgleisung ist nicht mit der Linie von ATIB in Einklang zu bringen.

 

ATIB hat seit mehr als 30 Jahren bewiesen, dass der Verein für Toleranz und gegenseitigen Respekt steht und keinerlei Berührungspunkte zu religiösem Fanatismus oder radikalem Nationalismus hat. Dass immer wieder versucht wird, ATIB mit diesen Positionen in Verbindung zu bringen, ändert nichts an der gefestigten Einstellung von ATIB als Hüter von demokratischen Werten.

 


>>> zu den Fotos auf der "Falter"-Website

(APA/Red.)

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