„Der Täter hatte eine allgemeine Wut in sich“

Ein 16-jähriger Nachbar des am Freitag in einem Wiener Gemeindebau erstochenen siebenjährigen Mädchens hat die Tat gestanden. Die Polizei gab den Ermittlungsverlauf bekannt.

PK MIT ANWALT NIKOLAUS RAST NACH AUFKLAeRUNG DES MORDES AN SIEBENJAeHRIGEM MAeDCHEN
PK MIT ANWALT NIKOLAUS RAST NACH AUFKLAeRUNG DES MORDES AN SIEBENJAeHRIGEM MAeDCHEN
APA/GEORG HOCHMUTH

Die Bluttat, die am vergangenen Freitag im Dittes-Hof in Wien-Heiligenstadt verübt worden war, ist geklärt: Ein 16-jähriger Gymnasiast, der ebenfalls in dem Gemeindebau wohnt und das Mädchen gut kennt, hat gestanden, dem Kind mit einem Brotmesser die Kehle durchgeschnitten zu haben. Beide Familien, die des Opfers und die des Täters, stammen aus Tschetschenien.

Der Täter ist vor 14 Jahren, als Zweijähriger, mit seinen Eltern von Tschetschenien nach Österreich geflohen. Etwa zur selben Zeit war auch die Opferfamilie ins Land gekommen. Ein konkretes Motiv, wie etwa eine Familienfehde, gebe es laut Polizei nicht. Auch schulische Probleme soll der Jugendliche nicht gehabt haben. So sei er etwa auch nicht von Mitschülern gemobbt worden. Der 16-Jährige, der einen in Österreich gängigen Namen angenommen hat, gilt als guter Schüler.

„Falsche Zeit, falscher Ort“

„Er hat angegeben, dass sich bei ihm in der vergangenen Woche eine allgemeine Wut aufgebaut hat“, erklärte der stellvertretende Ermittlungsleiter des Wiener Landeskriminalamts (LKA), Gerhard Haimeder. Im Verhör habe der Jugendliche auf die Frage „Warum dieses Mädchen?“ lediglich erklärt: „Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort.“

Noch sind die Ermittlungen freilich nicht abgeschlossen. Die Dateien am Computer des 16-Jährigen werden untersucht. Bisher ergaben sich aber auch keine Hinweise auf eine Radikalisierung des Täters. Vorerst blieb den sichtlich erschütterten Ermittlern, Haimeder und dem Vize-LKA-Chef Michael Mimra, am Dienstag im Rahmen einer Pressekonferenz nur zu sagen, dass auch ihnen so ein Fall noch nie untergekommen sei.

Wohnung statt Waschküche

Zu den bisherigen Ermittlungen schilderten die Beamten Folgendes: Zuerst sei es für die Polizei wichtig gewesen, den genauen Tatort zu ermitteln. Da der Kopf des Opfers fast bis zur Gänze abgetrennt worden war, gingen die Ermittler davon aus, dass der Täter das an einem Ort gemacht haben musste, an dem er ungestört war. Die erste Vermutung fiel dabei auf die Waschküchen im Gemeindebau. Als die Beamten diese Variante ausschließen konnten, verlagerten sich die Ermittlungen auf das gesamte Gebäude. Eine Suche nach Blutspuren begann. Blutspürhunde kamen zum Einsatz. Vor einer Haustüre schlugen die Diensthunde schließlich an. In der Wohnung fanden die Beamten eine vierköpfige Familie vor. Der 16-jährige gab zunächst vor, dass er sich geschnitten hätte und die Hunde wohl sein Blut riechen würden.

Laut Haimeder habe der Jugendliche aber schon kurz darauf alles gestanden. Nämlich, dass ihn das Kind besuchte, als er allein in der Wohnung war. Er lockte es daraufhin ins Bad und stieß es in die Dusche, wo es zu der Bluttat kam. „Das Geständnis war sehr kühl. Der Verdächtige wirkt auch gegenwärtig sehr empathielos“, schilderte Haimeder vor Journalisten. Und: „Das ist ein fescher, junger Bursche, dem Sie so etwas niemals zutrauen würden.“

Nach der Tat versuchte der 16-Jährige die Spuren zu beseitigen. Dies gelang aber nicht, sodass eben später die eingesetzten Hunde anschlugen. Davor hatte ein Bediensteter der MA 48 den Leichnam des Kindes in einem Müllcontainer innerhalb des Gemeindebaus entdeckt. Das tote Kind steckte in einem Plastiksack, die Beine ragten noch hinaus. Auf die Frage, ob der Täter nicht damit rechnen musste, erwischt zu werden, gaben die Ermittler an: „Wahrscheinlich schon, hat er gesagt, aber er hat auch gehofft, dass die Müllabfuhr vielleicht doch schneller ist.“ Weiters schilderten die Beamten das Verhalten des Gymnasiasten so: „Es ist ihm egal – von seinen Aussagen und seiner Körpersprache her. Die Mutter des Opfers tut ihm leid. Nicht das Mädchen.“

Bis zu 15 Jahre Haft drohen

Dienstagnachmittag fanden sich Angehörige des Opfers, nämlich die Mutter – die Frau hat sieben Kinder auf die Welt gebracht – sowie zwei Onkel und ein Bruder in der Kanzlei ihres Anwalts Nikolaus Rast ein. Sie zeigten sich den Medienvertretern, sagten aber nichts und ließen via Anwalt ausrichten, dass sie zutiefst betroffen seien, in nächster Zeit aber keine Medienkontakte wünschten. Rast appellierte an die Stadt Wien, der Familie eine neue Wohnung zu beschaffen, „damit sie nicht täglich an den Ort des Grauens erinnert wird“. Indessen wurde die Familie des Täters, die Eltern und ein 14-jähriger Bruder, aus dem Gemeindebau weggebracht. In Ermittlerkreisen wird nicht ausgeschlossen, dass Vergeltungsaktionen versucht werden könnten.

Der Täter kann davon ausgehen, wegen Mordes angeklagt zu werden. Da er jugendlich ist, droht ihm keine lebenslange Haft. Er muss mit bis zu 15 Jahren Gefängnis rechnen.

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