„Ich stelle Frauenrechte über Religionsfreiheit“

Frauen- und Wohnbaustadträtin Kathrin Gaal über ein Kopftuchverbot für Kinder, Rückschritte bei Frauenrechten und „mehr Gas“ bei Widmungen für Wohnungen.

Die Favoritnerin Kathrin Gaal hat mit dem Aufstieg von Michael Ludwig zum Bürgermeister dessen Wohnressort übernommen.
Die Favoritnerin Kathrin Gaal hat mit dem Aufstieg von Michael Ludwig zum Bürgermeister dessen Wohnressort übernommen.
Die Favoritnerin Kathrin Gaal hat mit dem Aufstieg von Michael Ludwig zum Bürgermeister dessen Wohnressort übernommen. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Ist es für Sie als Stadträtin, die auch für Frauenagenden zuständig ist, ein Wermutstropfen, dass es in Wien keine Bürgermeisterin gibt?

Kathrin Gaal: Wir haben mit Michael Ludwig den besten Bürgermeister, da spielt das Geschlecht keine Rolle. Mir ist wichtig, dass die 40-Prozent-Quote in der Stadtregierung eingehalten worden ist.

Warum ist keine Frau angetreten? Ist Ihre SPÖ noch nicht bereit für eine Chefin?

Ich glaube schon, aber es hat zwei sehr gute Kandidaten gegeben, und wir haben uns für Michael Ludwig entschieden.

Ihre SPÖ-Parteimanagerin Barbara Novak hat aus feministischen Gründen ein Kopftuchverbot für Mädchen in Schule und Kindergarten gefordert. Ist die Frauenstadträtin dafür?

Junge Mädchen müssen in dieser Stadt frei und selbstbestimmt leben können. In diesem Alter ist das Kopftuch aber keine Entscheidung der Kinder, sondern der Eltern. Deshalb plädiere ich dafür, Kinder einfach Kinder sein und das Kopftuch weg zu lassen.

Reicht ein Kopftuchverbot?

Man muss auch Aufklärung betreiben, mit den Eltern sprechen um ein Umdenken zu bewirken.

Und im öffentlichen Dienst? Wünschen Sie ein Kopftuchverbot z. B. für Lehrerinnen?

Das diskutieren wir gerade parteiintern.

Aber Sie haben eine Meinung?

Wenn junge Frauen aus freiem Willen ein Kopftuch tragen wollen, müssen wir sie beschützen, wenn sie diskriminiert werden. Genauso müssen wir aber auch Mädchen schützen, die kein Kopftuch tragen wollen.

Bereitet Ihnen Sorge, dass manche muslimische Männer gegenüber Frauen ein Verhalten an den Tag legen, das in Österreich überwunden geglaubt war? Erwarten Sie sich von der Islamischen Glaubensgemeinschaft mehr Initiativen?

Absolut! In einer liberalen und offenen Gesellschaft reden wir von Gleichstellung von Frauen und Männern. Das haben alle zu akzeptieren. Ich stelle hier Frauenrechte über Religionsfreiheit.

Bemerken Sie einen Rückschritt, auch aufgrund der vielen aus anderen Kulturkreisen, die nach Wien gekommen sind?

Die Wahrung von Frauenrechten muss man immer im Auge behalten.

Wie wollen Sie antifeministischen Tendenzen begegnen?

Durch Bildung, am besten in Ganztagsschulen und durch Aufklärung.

Gib es mehr Zulauf zu Beratungsstellen?

Ja, aber ich lebe auch nicht in einer Blase und merke, was sich abspielt. Wir dürfen nicht zulassen, dass es Rückschritte bei Frauenrechten gibt.

Die Wahl 2020 zeichnet sich am Horizont ab. Im Gemeindebau läuft dann wieder der Kampf SPÖ gegen FPÖ. Wie wollen Sie diesen Kampf gewinnen?

Die Auseinandersetzung mit der FPÖ sehe ich nicht nur im Gemeindebau, es dreht sich auch nicht alles um das Thema Integration. Es geht um Sicherheit, um die Zukunft, um die Frage: Wie wird das Leben meiner Kinder aussehen? Aber ja, in den Außenbezirken wird es ein Kampf gegen die FPÖ.

Ist die türkis-blaue Bundesregierung für die SPÖ in Wien nicht fast ein Geschenk?

So habe ich das sicher nie gesehen. Viele Maßnahmen der Bundesregierung kratzen am Sozialstaat. Wir werden das aufzeigen und unseren eigenen Weg gehen.

Michael Ludwig war vom „Gemeindebau Neu“ nicht begeistert, stellte ein Auslaufen des Programms in den Raum. Und Sie?

Bis 2020 werden wir 4000 neue Gemeindebauten auf Schiene bringen, in unterschiedliche Planungsstufen, dann werden wir evaluieren. Ich stehe allem offen gegenüber.

Das klingt sehr neutral. Sind Sie nicht so skeptisch wie Ihr Vorgänger Ludwig?

Ich bin neutral. Ich freue mich sehr, dass wir Gemeindewohnungen bauen, aber wir werden das evaluieren.

Der jetzige Bürgermeister hat schnellere Widmungen von der grünen Planungsstadträtin Vassilakou gefordert, um zu bauen. Ist Ihre Kollegin zu langsam?

Ich war im Planungsausschuss und habe ein sehr gutes Verhältnis mit Vassilakou. Wir müssen in Zukunft aber verstärkt ressortübergreifend denken und arbeiten. Leistbaren Wohnraum schaffen heißt auch, bei den Widmungen aufs Gas zu steigen.

Wie?

Doppelgleisigkeiten vermeiden, verschränkte Verfahren machen – das werden wir uns ansehen. Bei der Bürgerbeteiligung machen wir keine Abstriche.

Der Stadtrechnungshof zeigt bei Wiener Wohnen laufend Probleme auf. Falsche Betriebskostenabrechnungen sind nur ein Beispiel. Sehen Sie den Reformbedarf?

Michael Ludwig hat bei Wiener Wohnen als Wohnbaustadtrat bereits einen Reformprozess eingeleitet, den ich natürlich konsequent weiterverfolgen werde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2018)

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