Stephansdom: „Schockierte Eltern hielten ihre Kinder aus dem Fenster“

1945 brannte der Dachstuhl komplett ab. Heute ist das durch die Stahlkonstruktion und ein Brandschutzsystem unmöglich.

Toni Faber am Dienstag im Dachstuhl des Stephansdoms vor dem Modell der alten Dachkonstruktion aus Holz, die 1945 abbrannte.
Toni Faber am Dienstag im Dachstuhl des Stephansdoms vor dem Modell der alten Dachkonstruktion aus Holz, die 1945 abbrannte.
Toni Faber am Dienstag im Dachstuhl des Stephansdoms vor dem Modell der alten Dachkonstruktion aus Holz, die 1945 abbrannte. – (c) Stanislav Kogiku

Wien. Sichtbare Spuren des Brandes von 1945 gibt es selbstverständlich keine mehr. Hier, auf dem Dachboden des Stephansdoms, 22 Meter über dem Boden, vier Meter oberhalb des Gewölbes.

Nur ein Modell des hölzernen Gerüsts der früheren Konstruktionen lässt erahnen, wie schutzlos der Dachstuhl den Flammen ausgesetzt gewesen sein muss. Zumal auch die Wasserleitungen zerstört waren und die abziehende SS alle Löschgeräte mitgenommen hatte.

Zwei Tage lang stand der Dom in Flammen. Gegen Ende des Brandes stürzte auch die mit 20.000 Kilogramm schwerste Glocke Österreichs in die Tiefe und zerbarst am großen Gewölbering der Turmhalle. Stück um Stück fielen Teile des riesigen Gebildes unter furchtbarem Lärm zusammen, bis schließlich das ganze Dach in sich zusammensackte.
„Die Blicke der Augenzeugen müssen so verzweifelt gewesen sein wie jene der Menschen in Paris, die mitansahen, wie die Kathedrale Notre-Dame einstürzt“, sagt Dompfarrer Toni Faber. „Stellen Sie sich die glühenden Teile vor, die hier auf die Orgel gefallen sind. Die Orgel soll geweint haben. So wurden ihre Geräusche damals beschrieben.“ Zeitzeugen berichteten zudem von Eltern, die ihre Kinder aus dem Fenster hielten, damit diese sehen konnten, was mit dem Stephansdom passiert. Eines jener Kinder, das mit fünf Jahren in Währing von seiner Mutter aus dem Fenster gehalten wurde, konnte diese Bilder nie wieder vergessen und organisierte Jahrzehnte später eine Spendenaktion. Rund 20.000 Euro kamen dadurch für den Stephansdom zusammen.

 

Ähnlicher Brand „undenkbar“

Eine Katastrophe wie 1945 – als in der Nacht auf den 12. April keine Kriegsbomben, sondern Funkenschlag und zivile Plünderer den Brand verursacht hatten – ist laut Faber jedenfalls „undenkbar“. Zum einen ist der Dachstuhl nicht mehr aus Holz, sondern aus Stahl; einzig die dünnen Latten, die die 270.000 Dachziegel halten, sind aus Holz – aber selbst, wenn diese in Brand geraten sollten, hätte das keine dramatischen Folgen für die Konstruktion. Zum anderen ist der Innenraum mit einem Brandschutzsystem ausgestattet, das derzeit auf den neuesten technischen Stand gebracht wird. Dabei handelt es sich nicht um herkömmliche Brandmelder, da diese auch bei Weihrauch anschlagen würden, sondern spezielle Sensoren, die erst bei starker Rauchentwicklung Alarm auslösen. Zusätzlich stehen im Dom zahlreiche Feuerlöscher – etwa in der Sakristei, bei den Eingängen oder an den Orten, an denen Kirchenbesucher Kerzen anzünden – bereit.

„Eine Direktverbindung zur Feuerwehr hat unsere Anlage zwar nicht, aber es ist rund um die Uhr ein Portier anwesend“, sagt Faber. „Sollte ein Alarm ausgelöst werden, ruft dieser die Feuerwehr.“ Die exakten Abläufe bei einem Brand wurden zuletzt mit allen für den Einsatz infrage kommenden Feuerwehren geprobt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2019)

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