Seisenbacher geschnappt und nach Wien gebracht

Nach zweieinhalb Jahren endete das Versteckspiel des mit Missbrauchsvorwürfen konfrontierten Olympiasiegers Peter Seisenbacher in der Ukraine. Er wurde verhaftet und nach Wien überstellt – heute wird über die U-Haft entschieden.

Judo-Olympiasieger Peter Seisenbacher.
Judo-Olympiasieger Peter Seisenbacher.
Judo-Olympiasieger Peter Seisenbacher. – (c) GEPA pictures/ Mario Kneisl

Lemberg/Wien. Ein illegaler Grenzübertritt beendete die spektakuläre, zweieinhalb Jahre währende Flucht eines ehemaligen Sportstars. Peter Seisenbacher, 59, wurde beim Versuch, die Ukraine in Richtung Polen zu verlassen, festgenommen. Der zweimalige Olympiasieger (1984, 1988) wurde danach in Lemberg den österreichischen Behörden übergeben. Der Exsportler befand sich am Nachmittag bereits im Flugzeug nach Wien und sollte in die Justizanstalt Josefstadt eingeliefert werden, bestätigte Gerichtssprecherin Christina Salzborn.

Heute, Freitag, werde über die U-Haft entschieden. Der Rechtsvertreter von Seisenbacher, Bernhard Lehofer, bestätigte später, dass sein Mandant überstellt wurde. Die Wiener Staatsanwaltschaft konfrontiert Seisenbacher mit dem Vorwurf des Missbrauchs von Minderjährigen in drei Fällen im Zeitraum von 1997 bis 2004. Bei einem Opfer soll es sich um die Tochter eines Freundes handeln. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Plötzlich nach Kiew abgesetzt

Nach dem Ende seiner aktiven Karriere war Seisenbacher als Trainer weiterhin aktiv gewesen. In seinem Wiener Judo-Verein soll er – so die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft Wien – zwei im Tatzeitraum unmündige Mädchen missbraucht haben. Eine weitere Jugendliche wehrte ihn laut Anklage ab, als er zudringlich wurde – die Staatsanwaltschaft wertete dies als versuchten Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses.

Seisenbacher, der nach seinem Engagement in Österreich auch als Teamchef in Georgien und Aserbaidschan große Erfolge feierte und manch Schützling ebenso zum Olympiasieg (London 2012) führen konnte, zeigte sich bis zum Prozessbeginn im Dezember 2016 kooperativ. Er äußerte sich zu den Anschuldigungen öffentlich nie. Der ersten Tagsatzung am 16. Dezember 2016 blieb er unentschuldigt fern – ein Europäischer Haftbefehl wurde erlassen. Österreichs dreimaliger Sportler des Jahres hatte sich in die Ukraine abgesetzt.

Im August 2017 bereits gefasst

Denn dort waren die inkriminierten Delikte – laut lokalem Recht nach zehn Jahren – verjährt. Österreichs Justiz wusste allerdings nach der Auswertung diverser Handy- und Telefondaten, er hielt mit seiner Mutter laufend Kontakt, über seinen Aufenthaltsort in Kiew Bescheid. Man bemühte sich auch um eine Auslieferung, jedoch vergeblich. Die Behörden in der Ukraine legten sich quer.

Am 1. August 2017 wurde Seisenbacher dennoch bei einer Razzia gefasst. Er war in einer heruntergekommenen Wohnsiedlung im Kiewer Stadtteil Podolsky monatelang untergetaucht. Fotos, die ihn in Handschellen und Bart zeigten, machten damals in zahlreichen Medien die Runde. Sie bekamen prompt Post vom Anwalt wegen Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches – nur der Gesuchte selbst kam nicht nach Österreich. Am 8. September wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt. Danach nahm das Bundeskriminalamt wieder die Ermittlungen auf, nur jetzt war er verschwunden. Von Seisenbacher fehlte bis zum gestrigen Tag jede Spur.

Der Weltmeister von 1985 soll jedoch immer neuen Aufschub gegen seine Ausweisung beantragt haben. Wegen des fehlenden Passes konnte er legal auch in kein anderes Land mehr außer Österreich reisen. Zwischenzeitlich hatte sich in der Ukraine aber die Rechtslage geändert. Der Gesetzesänderung ist es wohl auch geschuldet, dass sich der Wiener dazu genötigt sah, die illegale Ausreise – laut Austria Presse Agentur mit einem gefälschte Reisedokument – als den letzten Ausweg zu wählen. (fin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2019)

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