Import/Export: Geschichten aus dem Container

Im 15. Bezirk läuft das Multimediaprojekt eines ehemaligen österreichischen Edel-Migranten in New York und Zeit-Kolumnisten. Mit dem Container soll eine auffällige Präsenz erzielt werden.

Geschichten Container
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(c) Die Presse

Wien. Da steht er, der vier Tonnen schwere „Import/Export“-Container. Pink, giftgrün, gelb und kunterbunt, mitten am Urban-Loritz-Platz, noch bis 30. November, mitten vor den Toren der Wiener Hauptbibliothek, im urbanen Multikulti-Gewusel des 15. Bezirks. Hingestellt hat ihn der Journalist und Medienunternehmer Ernst Schmiederer, der jahrelang New-York-Korrespondent des „Profil“ war und heute die „Drinnen/Draußen“-Kolumne der „Zeit“ schreibt, in der Österreicher im Ausland und Migranten in Österreich porträtiert werden.

Auf Basis dieser Kolumnen entstand vor fünf Jahren in der „Zeit“-Redaktion auch die Idee zu dem Projekt, das gestern, Montag, in der Hauptbibliothek auch in doppelter Buchform („Lauter Ausländer“ und „Noch mehr Ausländer“) präsentiert wurde: Schmiederer, der lange als „Edel-Migrant“ in New York gelebt hat, will mit „Import/Export“ vor allem „Geschichten erzählen“, wie er sagt. Im Inneren des um 1000 Euro gebraucht erstandenen Containers befindet sich ein vollwertiges Video-Studio: „Mit dem Container kann ich eine auffällige Präsenz erzielen. Der Container steht einfach da und lädt zum Hereinspazieren ein“, sagt er. Das funktioniert dann so: Man bekommt ein giftgrünes Glückskeks, in dem sich ein Sinnspruch versteckt, und erzählt vor der Videokamera seine Geschichte. Die gesammelten Storys landen dann – als Videos hübsch verpackt – auf der Website www.importundexport.at.

Eine georgische Filmemacherin etwa erzählt, dass es auch in ihrer Heimat eine Tradition mit Glückszetteln gebe, der kleine Recep gibt sein Geheimnis eines perfekten Wiener Schnitzels preis, und der türkisch-arabisch-stämmige Tätowierer El Hac vom Tätowierstudio „Vienna Ink“ im ersten Bezirk erzählt von der Schönheit der Kalligrafie, seiner schweren Jugend im Orient und davon, wie er nach Wien kam, weil seine Mutter „einen Mann von ganz weit weg“ geheiratet hat. Der Start in einer 20-Quadratmeter-Wohnung in Wien war dann auch nicht gerade leicht, heute gehört El Hac zu den angesagten Tätowierern der Wiener Szene.

Mehr als 100 solcher Geschichten finden sich nun auf der Website. Finanziert wird das Multimediaprojekt übrigens über die Erlöse der kommerziellen Medienprojekte der Firma von Medienmacher Ernst Schmiederer und Schauspieler Harald Krassnitzer, die für Ikea oder die Post AG arbeiten, sagt Schmiederer; ein Teil kommt vom Jugendstadtrat und der Gemeinde Wien.

 

Anders als die USA

„Import/Export“ erinnert übrigens an den gleichnamigen Film des österreichischen Regisseurs Ulrich Seidl, der kürzlich verstorbene Brachial-Regisseur Christoph Schlingensief verwendete schon bei den Wiener Festwochen im Jahr 2000 einen „Big Brother“-Container, wo Asylwerber aus dem Land gewählt wurden.

„Mich interessiert die ganz normale Migration, die Tatsache, dass ohne die vielen Migranten, die nach Wien gekommen sind, in dieser Stadt nichts funktionieren würde“, sagt Schmiederer. Migration sei eine Tatsache; wenn es Probleme gibt, dann helfe kein Raunzen, sondern man müsse die Probleme anpacken. Schmiederer hat einen Teil seiner Ideen von Mark Terkessidis, einem deutschen Popkultur- und Multikulti-Schreiber. Dessen Leitmotiv in seinem Buch „Interkultur“ lautet, dass es egal sei, woher die Menschen, die in der Stadt leben, kämen; „wenn erst einmal die Zukunft im Vordergrund steht, dann kommt es nur noch darauf an, dass sie jetzt, in diesem Moment, anwesend sind und zur gemeinsamen Zukunft beitragen“. Naiv? Nein, glaubt Schmiederer. Dies sei vielmehr eine recht gute Beschreibung der Realität. Was in der österreichischen Migrationsdebatte seiner Meinung nach fehlt: „Es wird nie darüber gesprochen, was die Leute, die da sind, können. Das ist in den USA anders.“ Und Schmiederer erzählt von den Erfahrungen in seiner eigenen Familie: „Unser erster Sohn ist Amerikaner, weil er dort geboren ist, unser zweiter Sohn hat einen österreichischen Pass.“ Und: „Mit so einem Projekt kann man freilich keine Hardcore-Fremdenfeinde umstimmen, aber die Stimmung insgesamt, die kann man konterkarieren.“

Schmiederer hofft, dass die österreichischen Unternehmen stärker in die Migrationsdebatte eingreifen: Das Personal der Handelsketten oder von McDonald's bestehe zu 70 oder 80 Prozent aus Migranten. „Ohne ihre Mitarbeiter könnten diese Firmen in Österreich nicht arbeiten. Von diesen ganz normalen Migrationsgeschichten hört man fast nie etwas. Diese Geschichten würde ich gerne erzählen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2010)

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