Drama auf der Copa Cagrana

Kampf im Boulevard und vor Gericht: Die Stadt will die angejahrte Lokalmeile räumen lassen. Doch wie konnte es so weit kommen? Die Genese einer Posse. Und ein Ausblick auf ihr Ende.

Drama Copa Cagrana
Drama Copa Cagrana
Copa Cagrana – (c) FABRY Clemens

So schlimm wie auf den Bildern im Boulevard-Kleinformat sieht es dann doch nicht aus. Schlampig und veraltet, das schon, aber kennt man die Copa Cagrana denn anders? Das Caorle der daheim gebliebenen und inzwischen nicht mehr existierenden Wiener Hausmeister war schon immer ein solches. Zu grell, zu Transdanubien, nie schön.

Trotzdem berichten die „Kronen Zeitung“ und die Gratiszeitung „Heute“ seit Wochen im Stakkato über die „Copa-Cagrana-Schande“. Triste Bilder von der Gastromeile am Donauufer inklusive. Bilder, die die zuständige Stadträtin Ulli Sima wohl nicht stören. Denn die Stadt hat den Generalpächter des Areals im Vorjahr auf Zwangsräumung geklagt. Für Norbert Weber bzw. dessen Boardwalk Entwicklungs GmbH ist es laut eigenen Angaben die dritte Klage dieser Art. Doch diesmal meint es die Stadt ernst.

„Der Bogen ist überspannt“, man könne mit Weber nicht mehr, sagt Martin Jank. Der Geschäftsführer der Wiener Gewässermanagementgesellschaft, einer Tochter der Stadt, verwaltet seit Jänner mit der MA45 die Copa Cagrana. Die Vorwürfe gegen Weber lauten: Mietzinsrückstand (die Angaben variieren zwischen 50.000 und 85.000 Euro), Nutzung ohne Rechtstitel und erheblicher nachteiliger Gebrauch: Weber soll Mängel wie herausstehende Nägel oder lecke Wasserleitungen trotz Aufforderung nicht beseitigt haben. Weber und sein Anwalt Erich Hirt bestreiten alles, Hirt stellt sich auf ein Verfahren von „bis zu zwei Jahren“ ein, der nächste Gerichtstermin ist Anfang Mai. Die Rechtslage ist nicht einfach. Weber, der mit einem Radverleih auf der Donauinsel begann, hat immer wieder Flächen dazugepachtet – mit unterschiedlichen Verträgen. „Wir haben dieses Gebiet geschaffen“, sagt er, „als wir vor mehr als 20 Jahren gekommen sind, war hier nichts.“

Leute, die Weber gut kennen, beschreiben ihn als „Visionär“, aber auch als „schwierig“. Fragt man die hiesigen Gastronomen – Weber hat die Bauten befristet an 21 Betreiber verpachtet, die nach der Räumung ebenfalls rausmüssten –, fällt das Urteil teilweise hart aus: „Es kann nur besser werden“, sagt einer, der seinen Namen (der Redaktion bekannt) nicht in der Zeitung lesen will, weil er ein aufrechtes Pachtverhältnis hat. So sei eines der vielen Probleme, dass es keine vertragliche Vereinbarung über eine Ablöse gebe: „Als Pächter hat man keinen Anreiz, in die Hütten zu investieren.“ Zumal das Areal im Hochwasserschutzgebiet liegt und die Hütten regelmäßig überschwemmt werden. Es gebe hier viele Gastronomen, die versuchen würden, die angejahrten Hütten eine Saison lang „auszubeuten“. Und einige wenige, die über die Jahre zu viel investiert hätten, um zu gehen.

Ohne Mistkübel. Die Behörden, sagt der Pächter, hätten viele Jahre bei den jährlichen Prüfungen – etwa bei der Mindestgröße der Küchen – „alle Augen zugedrückt“. Seit 2010 aber gehe nicht mehr, was im Jahr zuvor noch kein Problem war. Dass man früher bewusst weggesehen habe, verneint Jank: „Weber hat immer so viel gemacht, dass die Gewerbebehörde nicht schließen konnte.“ Aber nicht nur Weber, auch die Stadt habe sich nicht um „die Copa“ gekümmert, klagt der Pächter: Es gebe keine Mistkübel, keine Beleuchtung, keine Reinigung: „Das wurde“, sagt Jank knapp, „damals beim Verpachten an Weber nicht vereinbart.“

Warum die Stadt nun genauer hinsieht, dafür gibt es mehrere Theorien. Eine offizielle (Jank: „Es reicht eben“) und einige Vermutungen. So glaubt Weber, die Lage sei seit einem skurrilen Plakatstreit eskaliert: Im Wiener Wahlkampf hatte man der SPÖ-Jugend Events auf dem Areal angeboten. Als die nicht wollte, wurde man – was angesichts der vielen Gastronomen mit Migrationshintergund pikant ist – mit der FPÖ handelseins. Die Folge: Magistratsbeamte entfernten die „dem Pachtvertrag widersprechenden“ (Jank) FPÖ-Plakate, es gab einen Polizeieinsatz, Wortgefechte vor Zeugen. Woran die Theorie krankt: Die Stadt begann schon davor, Anfang 2010, genauer zu prüfen. Aber schlau sei das mit der FPÖ von Weber klarerweise nicht gewesen, sagen Beteiligte.

Eine andere Vermutung Webers lautet, dass die Stadt seine Vorschläge zur Erneuerung blockiere, weil sich seine Pachtdauer um die Abschreibfrist der Investitionen verlängere. „Ich erhalte für meine Pläne keine Genehmigungen.“ Wobei es nicht um Ausbesserungsarbeiten gehe, sondern um Großes. Immer wieder war Weber mit Studien zur Neugestaltung in den Medien. „Ich kann ausschließen, dass die Stadt ihn wissentlich behindert hat“, sagt Jank, „,kühne Ideen muss man aber eben durchfechten.“

Und dann gibt es noch eine dritte Vermutung für das Interesse der Stadt – eine, die kein Geheimnis ist: Hinter der Copa Cagrana zieht die Wiener Entwicklungsgesellschaft für den Donauraum AG (WED) die Donau City und mit 220 Metern das höchste Gebäude Österreichs, den DC Tower, hoch. WED-Vorstand Thomas Jakoubek sagt: „Sicher haben wir ein Interesse, dass auf der Copa Cagrana etwas Gescheites entsteht.“ Und: Jetzt gebe es ein „Zeitfenster“ dafür. Die WED, der auch Grund auf der Copa Cagrana gehört, sponsert auch einen Ideenwettbewerb der TU-Studenten für das gesamte Areal rund um die Donau City. Ideen gebe es viele, sagt Architekt Michael Rieper, der den Wettbewerb leitet: unterirdische Gebäude, schwimmende Häuser. Er weiß aber, dass die Gegend vor allem Lokale braucht: „Hier ist nie Stadtleben entstanden, es gibt vier Gasthäuser, die um 18 Uhr sperren.“ Eine Ganzjahresnutzung sei aber schwierig: „Im Winter ist das ein unwirtlicher Flecken.“

Ohne Disco. Im Sommer, bei gutem Wetter, dafür ein gut besuchter. Ein Ort, da sind sich alle einig, mit Potenzial. Die Pläne der Stadt für nach der Räumung – laut „Heute“ will Sima alles abreißen lassen – hat Jank schon im Kopf: Das Gewässermanagement werde das Areal pachten und in Einzelverträgen weiterverpachten. Die „Dunkelheitsgastronomie“ (Discos) soll verbannt, die Zahl der Lokale stark reduziert werden. Fraglich ist, ob die Copa Cagrana künftig noch so heißen wird. Angeblich hat sich Weber (er überlegt, seine Firmenanteile zu verkaufen) den Namen schützen lassen: „In dem Fall werden wir was anderes finden“, sagt Jank, „die Leute vergessen schnell.“ Und sitzen vielleicht bald am Donau-City-Strand.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2011)

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