Neuer Drogenhotspot bei U6-Station Josefstädter Straße

Zuerst die Obdachlosen, dann die Drogensüchtigen: Ein Teil der Suchtgiftszene hat sich vom Karlsplatz in die Josefstadt verlagert. Bezirk und Gürtellokale fürchten um ihr Image und fordern mehr Polizeipräsenz.

U-Bahnstation Josefstadterstrasse
U-Bahnstation Josefstadterstrasse
Die U-Bahnstation Josefstädter Straße ist zu einem Drogenhotspot geworden – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Lange Zeit waren da nur die Obdachlosen, dann kamen die Drogensüchtigen dazu, kurz darauf die Drogendealer: An der U6-Station Josefstädter Straße hat sich die Suchtgiftszene angesiedelt, die abends, aber auch tagsüber, so unübersehbar ist, dass die bis vor einiger Zeit unvorstellbare Aussage „Die Josefstadt hat ein Drogenproblem" heute tatsächlich zutrifft.

Die bürgerliche Josefstadt hat also ein Drogenproblem, wenn auch eines, das sich auf die Umgebung der U6-Station beschränkt. „Die Drogenszene hat sich vom Karlsplatz teilweise dorthin verlagert", sagt Roman Hahslinger, Sprecher der Wiener Polizei. Mögliche Gründe: die Schwerpunktaktionen der Polizei an der U4 sowie der derzeitige Umbau der Karlsplatzpassage. Wieso es Teile der Szene nun ausgerechnet in den achten Bezirk zieht, kann sich die Polizei nicht erklären. Gehandelt wird in der Josefstadt laut Hahslinger vorrangig mit sogenannten „weichen" Drogen wie Haschisch.

"Wollen mit Drogen nichts zu tun haben"

Und das derzeit massiv vor den Lokalen in den Gürtelbögen direkt neben der U6-Station. An die 20 Dealer beobachtet etwa Chelsea-Betreiber Othmar Bajlicz allabendlich, „das ist in letzter Zeit immer schlimmer geworden", sagt er. Die Lokale fürchten um ihr Image („Wir wollen mit Drogen nichts zu tun haben"), fühlen sich aber machtlos. „Wir halten diese Leute zwar so gut es geht von unseren Lokalen fern", sagt rhiz-Chef Herbert Molin. „Aber sobald sie außerhalb der Gastgärten stehen, haben wir keine Handhabe."

Molin und Bajlicz fordern daher mehr Polizeipräsenz vor den Lokalen, um die Dealer zu vertreiben. Zusagen seitens der Exekutive gibt es noch nicht: Ein geplantes Treffen am vergangenen Wochenende fand nicht statt, „die Polizei ist einfach nicht gekommen", sagt Molin. Unterstützung bekommen die Wirte von der Bezirksvorsteherin der Josefstadt, Veronika Mickel (VP), die Druck auf die Polizei machen will, auch abends mehr Präsenz zu zeigen.

Obdachlose und Drogensüchtige

Denn tagsüber ist die Polizei an der baufälligen Station Josefstädter Straße dauerpräsent, seit sich die Drogenszene hierher verlagert hat. Die Süchtigen, oft 30 bis 40, sind zwar immer noch da, aber tagsüber hat man zumindest die Dealer dank der Anwesenheit der Polizei vertrieben. Als Aufenthaltsort hat sich der Platz vor dem „Josi", einem Tageszentrum für Obdachlose, entwickelt, das in der U-Bahn-Station untergebracht ist, und das ohne gröbere Konflikte seit 1989. „wieder wohnen", eine Tochter des Fonds Soziales Wien, die das Josi betreut, ist über die Süchtigen vor Ort wenig begeistert. „Das ist keine Klientel des Josi", so eine Sprecherin. „Die interessieren sich gar nicht für unser Angebot." Drogendeals seien beobachtet und der Polizei gemeldet worden, mehr könne man nicht tun - der Platz vor dem Josi ist öffentlicher Raum.

Der aber auch von immer mehr Obdachlosen genutzt wird. Denn das Josi stößt an seine Kapazitätsgrenzen, seit es vor Kurzem - als einzige derartige Einrichtung der Stadt - sein Angebot (Essen, Duschen, Beratung) auch für Obdachlose aus dem Ausland geöffnet hat. So sorgen nun Obdachlose und Drogensüchtige gemeinsam vor der U6-Station für Verunsicherung unter Fahrgästen und Anrainern. Die Beschwerden häufen sich, sagt Bezirksvorsteherin Mickel. Was schade sei, „denn das Josi hat im Bezirk immer gut funktioniert". Dass die Obdachlosen nun auf der Straße stehen, sei keine Lösung. Die Stadt müsse weitere Tageszentren für Obdachlose anbieten, fordert sie. „Die Josefstadt kann das Problem sicher nicht allein bewältigen."

Auch die Gürtellokale sehen neben der Polizei ebenfalls die Stadt Wien am Zug. „Das Grätzel verslumt zunehmend", sagt Chelsea-Betreiber Bajlicz. Nach der millionenschweren Gürtelrevitalisierung in den 1990er-Jahren habe sich die Stadt zu wenig um das Grätzel gekümmert. „Mir ist schon klar", sagt rhiz-Chef Molin, „dass nicht jede Gegend so schnieke sein kann wie die Innenstadt. Aber eine Gegend erst zu revitalisieren und zehn Jahre später wieder verkommen zu lassen ist auch traurig."

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2011)

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