Handy-App statt Funk: Revolution für Wiener Taxis

Ab nächstem Dienstag können Taxis in Wien ohne Taxizentrale bestellt werden. Die Smartphone-Applikation „myTaxi" modernisiert so bereits in deutschen Städten das Fahren.

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Symbolbild – (c) Www.BilderBox.com (BilderBox.com)

[WIEN] Als Walter Hindinger vor zwei Jahren wieder als Taxilenker zu arbeiten begann, sei ihm klar gewesen: „Nur noch auf eigene Faust." Nach mehreren Jahren Erfahrung bei einer Funkzentrale wollte er nicht mehr zurück, sagt der 46 jährige Wiener. Wenig lukrativ wegen der hohen Grundgebühren. Hindinger begann, ohne Funk zu fahren: Ohne Kundenstamm, über den eben nur die Zentralen durch ihre bekannten Telefonnummern verfügen.

„Als funkloser Lenker ist es schwer", gesteht Hindinger. „Du bekommst Kunden nur direkt von der Straße." In Zukunft könnte sich Hindingers Situation ändern, und damit das Taxifahren überhaupt in Wien. Ab nächstem Dienstag sollen Bestellungen über die Smartphone-Applikation (App) „myTaxi" abgewickelt werden können, die in deutschen Großstädten den Taxizentralen Marktanteile abgräbt. Durch direkten Kontakt zwischen Kunden und Taxilenkern werden Taxizentralen überflüssig.

Hindinger nutzt die Software derzeit im Test, erwartet ab kommender Woche Aufträge mehrerer Hotels, die mit der Applikation ausgestattet werden. „Wenn die Sache sich ausbreitet, ist das sicher gut für uns alle", schwärmt Hindinger. Für den Kunden kann das Modell komfortabler sein, für Taxilenker kostenminimierend.

GPS ortet nächstes Taxi

Die Applikation funktioniert so: „Gerade fuhr ich am Allgemeinen Krankenhaus vorbei", berichtet Hindinger, „da vibrierte mein Handy." Ein Nutzer der App hatte eine Taxianfrage verschickt. Über GPS spürte die App mit dessen Handy alle Taxis auf, die „myTaxi" nutzen, und stellte Kontakt zum nächsten Verfügbaren her. Als Hindinger die Anfrage bestätigte, begann der Countdown. Über Google Maps konnten beide verfolgen, wie viel Strecke und Zeit verblieben, bis Fahrer und Fahrgast aufeinander treffen würden. „Nach knapp vier Minuten war ich an der Volksoper." Beim Kunden.

Für viele Wiener Taxikunden mag die App zunächst eine Art Spielerei sein: Ein Bewertungssystem zeigt ihnen die Fahrer mit dem besten Service an, das Ortungssystem liefert eine Live-Übertragung von Bestellung bis Ankunft inklusive Fahrpreisrechner. Zudem genügt zur Bestellung ein Fingerdruck, ein Anruf ist nicht nötig. Interessant ist sie vor allem für Kunden in Eile, weil Ankunftszeiten durch die automatische Ortung verringert werden. Ortsfremde brauchen zudem keine Zentrale-Nummern zu kennen. So war auch Hindingers Kunde, der an der Volksoper wartete, ein Tourist, der die App sonst in Hamburg nutzt.

Zeit und Kosten sparen

Er selbst sieht in „myTaxi" ein gutes Geschäft. „Durch das GPS weiß ich genau, wo sich die anderen Lenker gerade aufhalten und wie ich mich strategisch positionieren kann, um mehr Kunden zu bekommen." Auch könnten Leerfahrten seltener werden, also eine Fahrt ohne Kunde im Anschluss an einen Auftrag. Vor allem aber will er so Geld sparen, weil die Vermittlung ohne Zentrale funktioniert. Die hohen Kosten für Taxilenker durch Zentralen sind denn gerade in Wien ein Problem: Wer für eine der beiden dominierenden Taxizentralen fährt, zahlt schon an Grundgebühren monatlich um die 500 Euro - deutlich mehr als in anderen deutschsprachigen Städten. Überdies müssen Ausrüstung und Konzession für mehrere Tausend Euro häufig von den Fahrern gezahlt werden. Bei Bestellungen über die Software zahlt Hindinger pro Fahrt 99 Cent an das betreibende Hamburger Unternehmen „Intelligent Apps".

Hindinger rechnet vor: Würden ihm Fahrten nur noch über App eingehen, würde er gegenüber der Zusammenarbeit mit einer Zentrale mehrere hundert Euro monatlich sparen. Einige Kollegen wollten ihm folgen und nur noch die App nutzen, sagt er. In Hamburg, München und Berlin fahren über 2500 Taxilenker mit der App.

In Wien sind ab Dienstag zunächst 250 Fahrer ausgestattet, Benutzer können die Software kostenlos im im AppStore herunterladen. Ob „myTaxi" auch in Wien einschlägt, wird von der kritischen Masse abhängen: nur bei genügend Lenkern entfaltet so eine App ihren vollen Nutzen. Unter Nutzern ist „myTaxi" in Deutschland mit rund 300.000 Downloads eine der beliebtesten Apps überhaupt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2011)

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