Hofreitschule: Die mit den Männern reitet

Noch nicht allzu lange gibt es Frauen in der Spanischen Hofreitschule. Wie erleben sie das Training in der Ex-Männerbastion? Streng. Aber fair. Besuch in einer neuen alten Institution.

Hofreitschule Maennern reitet
Hofreitschule Maennern reitet
hofreitschule – (c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Schauen Sie: Mir ist hauptsächlich wichtig, dass Sie nicht schreiben, dass Frauen zu wenig Kraft für unsere Pferde haben, das stimmt bitte wirklich nicht. Gut?“ Umgeben von Zaumzeug und Satteln in der Spanischen Hofreitschule zieht Geschäftsführerin Elisabeth Gürtler die Zügel straffer – kommunikationstechnisch. Denn wenn es um „ihre“ Spanische Hofreitschule geht, lässt die Sacher-Chefin, seit 2007 auch federführend in den Geschäften der Lipizzaner, keinen Imagemakel zu.

Schon gar nicht beim Thema Frauen: Seit September 2008 erlernen erstmals in der über 460-jährigen Geschichte der Hofreitschule Frauen den Stil der weltweit bekannten Wiener Dressurreiter. Anfang vergangener Woche hatte eine Stellungnahme Gürtlers Aufmerksamkeit erregt, weil sie darin, angesichts der hohen Zahl weiblicher Bewerber, die Notwendigkeit männlicher Reiter betont hatte – vielleicht zu sehr. Weil Frauen manche Pferde gar nicht reiten können, wie später zitiert wurde? „Gewisse Hengste benötigen in der Ausbildung Kraftanstrengungen, die ein Mann leichter leisten kann, das ist alles“, präzisiert Gürtler ihre Aussage mit Nachdruck. Soll heißen: Bitte keine Missverständnisse, wir wollen die Frauen. Auch fürs zeitgemäße Image.

Für die fünf Elevinnen, die derzeit ausgebildet werden, sind diese Differenzierungen wahrscheinlich nebensächlich. Ihre Zahl wird über die Jahre ohnehin ansteigen: Dressurreiten ist ein Frauensport – kein Wunder also, dass der Großteil der über hundert Bewerbungen, die die Hofreitschule im Jahr erhält, von Frauen kommt. 2012 wird trotzdem keine von ihnen den Zugangscode für das hölzerne Eingangstor in der Reitschulgasse erhalten. „Derzeit haben wir genug Eleven“, so Gürtler, „vielleicht nehmen wir 2013 wieder jemanden.“

Marlene Tucek hat die Bewerbungsphase längst hinter sich. Obwohl die 24-Jährige erst seit vier Monaten Elevin ist, verbindet sie eine mehrjährige und sehr persönliche Geschichte mit dem Betrieb. Als Tochter eines Wiener Reitstallbesitzers ist sie „schon mit Windeln am Pferd gesessen“, ihr mittlerweile verstorbener Vater habe sich die Zulassung von Frauen für seine Tochter immer gewünscht. Nach seinem Tod habe sie das Projekt Hofreitschule links liegen lassen und sich im Familienbetrieb engagiert, erzählt Tucek – bis ihr Reitlehrer, ein pensionierter Oberbereiter (so nennen sich die fertig ausgebildeten Mitglieder der Hofreitschule), sie im Sommer 2011 motivierte, doch eine Bewerbung abzuschicken. Mit Erfolg. „Wie es geheißen hat, ich soll zum Vorreiten kommen, war das ein Schock“, sagt Tucek, „aber dann, als ich vom Pferd abgestiegen bin, hat die Frau Gürtler gemeint, sie nehmen mich.“

Beweise nicht nötig.
An sechs Tagen in der Woche kümmert sich Tucek um junge Pferde und erhält Unterricht von Oberbereitern – alles Männer. Die Grundausbildung dauert mindestens vier, die komplette Ausbildung mindestens acht Jahre. Frühestens 2016 wird also die erste Frau bei einem Auftritt der traditionsbewussten Reitkünstler zu sehen sein. Muss man sich eigentlich als Frau unter all den Männern manchmal beweisen? Tucek sieht die Sache nüchtern: „Im Grunde sehen die erfahrenen Reiter sofort, wenn du aufs Pferd steigst, ob du was kannst oder nicht, also kann man sich das mit dem Beweisen sparen.“ Insgesamt seien die fünf weiblichen „Lehrlinge“ gut integriert, findet Tucek. Ihre ehemalige Kollegin, die Britin Sejourner Correll, hat die Ausbildung allerdings abgebrochen. „Wir haben uns im Guten von ihr getrennt“, sagt PR-Verantwortliche Karin Mayrhofer, „sie hat gemerkt, dass Reiten in dieser Intensität nicht das Richtige für sie ist – jetzt ist sie Model in New York.“

Disziplin ist (fast) alles. Warum auch immer Sejourner Correll gegangen ist: Dass Marlene Tucek sich hier wohlfühlt, ist offensichtlich. Ihre Arbeitskleidung (dunkelgraues Sakko, Krawatte mit Pferdemuster, Reiterhose, Lederstiefel) strahlt eine strenge Ordentlichkeit aus, mit der sich Tucek gut identifiziert. Disziplin, das sei in der Hofreitschule ein sehr großes Thema – und es klingt, als wolle sie das „e“ in „sehr“ noch ein wenig mehr in die Länge ziehen. „Wir müssen zum Beispiel das Zaumzeug jeden Tag putzen, das würde ich zu Hause nie machen“, meint die Elevin, „aber hier ist es eben so, alles muss immer picobello sein.“

Doch Tucek scheint zu wissen, warum sie täglich ab sechs Uhr Früh im Stall steht: „Die Genauigkeit der Reiter, die Perfektion“, schwärmt sie, „alles hier hat etwas sehr Exquisites.“ Das will gelernt sein: Täglich erhält sie Reitunterricht, dabei geht es vor allem um das, was Kenner den „unabhängigen Sitz“ nennen. Unabhängig von der Schwerkraft? Fast: Möglichst unabhängig von der Bewegung des Pferdes soll sein Reiter stets eine aufrechte, würdevolle Haltung bewahren – gerittenes Ballett sozusagen. Keine leichte Übung: „Man soll sich ja auf das Pferd einstellen, aber am Anfang rattert dir der Kopf wegen dem Sitz.“ Nachsatz: „Noch dazu soll alles easy aussehen.“ Doch vorerst ist sie überzeugt: Das Leben mit den Lipizzanern ist ihre Zukunft, internationale Shows inklusive.

Pferde springen, Geld weniger. Dabei ist es auch für den Traditionsbetrieb nicht leicht, ausgebucht zu sein – obwohl die angespannte Budgetlage das verlangt. 2011 konnte man laut Gürtler mit einer schwarzen Null bilanzieren, erstmals nach defizitären Jahren. „Engagements im Ausland entstehen nicht von selbst, alleine wegen der teuren Anmietung einer Halle“, sagt Gürtler, die für ihren Sanierungskurs auch Kritik erntete. Vorwürfe, dass die Pferde überfordert wären, weist sie zurück: „Wir haben wirklich genug Pferde für die Menge an Auftritten.“

Gerüchte, dass die Aufnahme von Frauen intern für Widerstand gesorgt hatte, dementiert Gürtler nicht: „Es war nicht leicht, aber dass geschlechterspezifische Einschränkungen heute unzulässig sind, ist jetzt, glaube ich, klar.“ Und letztlich mischt Gürtler nicht zum ersten Mal in einem Betrieb das Geschlechterverhältnis auf: Auch die Einführung von weiblichem Servicepersonal im Hotel Sacher geht auf sie zurück.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2012)

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