Spittelau, wo Wien mit Müll dem Frost entgegenfeuert

750 Tonnen Abfall verbrennen täglich in der Spittelau. Wie daraus Fernwärme wird, darf man aus Sicherheitsgründen nicht näher beobachten. Doch der Blick aufs Wiener Müllmeer beeindruckt auch so. Und beunruhigt.

(c) AP (RONALD ZAK)

Wien. Frostige minus drei Grad zeigen die Thermometer im Kontrollturm am Nachmittag an – Markus Bacher, stellvertretender Werksleiter der Müllverbrennungsanlage Spittelau, steht auf dem Vorplatz in Sakko und Hemd. Kein Wunder: Ein Mann, der seit 17 Jahren direkt an der Wärmequelle vieler Wiener Haushalte seinen Job tut, spürt bei ein paar Grad unter null vermutlich noch keine Kälte. „Eh nicht so frisch hier“, meint Bacher lapidar, bevor er mit schlanken Sätzen und üppigem Zahlenmaterial die Verwandlung von Müll in Wärme und Schlacke erläutert.

750 Tonnen Müll werden täglich in der Spittelau verbrannt. Daraus entsteht rund ein Drittel jenes Teils der Fernwärme, den Wien aus Abfällen gewinnt. Der größere Teil der Hitze im weitläufigen Rohrnetz im Untergrund der Stadt, das mit bis zu 140 Grad heißem Wasser die Wärme in Wiener Wohnzimmer pumpt, kommt allerdings von der Abwärme in Gaskraftwerken. Die größte Quelle ist das Kraftwerk Simmering.

Doch wer in den Abgrund des „Bunkers“ blickt, wo der Müll gesammelt wird, der muss die Spittelau trotz allem für einen Giganten halten: Über acht Abladestellen kippen Müllwagen ihren Inhalt hier hinein, mitunter sind auch Einkaufswagerln und alte Motoren dabei. In der Halle entsteht so ein Meer aus zerschlissenen Plastiksäcken, Erde und anderen Resten aus dem Alltag einer Großstadt. Zwei metallene Greifer regieren dieses Meer, transportieren den Müll in Richtung Feuerrost und durchmischen ihn, damit der Heizwert des Abfalls nicht zu stark variiert.

 

„Wir machen das Paradies kaputt“

Mit einem Leergewicht von viereinhalb Tonnen sind die Greifer schon Kolosse, bevor sie zufassen – Letzteres ist seit 28 Jahren Dragisa Strajinovics Aufgabe. Ihn trifft man nach einigen „Mahlzeit“-Rufen im Oberstock, wo der Kranfahrer mit Bewegungen des Steuerknüppels die Greifer auf- und abfahren lässt. „Die alten waren schneller“, meint Strajinovics und lässt den Greifer zum Beweis in den Müll hinabrasen – für Beobachter rasch genug. Wie Lego-Tech für Erwachsene.

Aber dass Müllverbrennung so spaßig auch wieder nicht ist, befand schon Friedensreich Hundertwasser, der der Anlage auch innen seine Handschrift verpasste und dazu vom damaligen Bürgermeister Zilk erst überzeugt werden musste: Sätze wie „Wir leben im Paradies, wir machen es nur kaputt“ prangen an den Wänden der Gänge, durch die Bacher eher zügig schreitet. Zuletzt ist die Masse des Wiener Hausmülls von 2009 auf 2010 leicht angestiegen. Ob sich Menschen wie Bacher beim Anblick dessen, was von der Buntheit im Supermarkt bleibt, auch der Gedanke an Müllvermeidung aufdrängt? „Natürlich frage ich manchmal selbst, wie oft ein Produkt noch eingepackt ist“, so Bacher, „aber wir holen aus dem Unvermeidlichen noch das meiste raus, und das auf besonders ökologische Weise.“ Plastiksäcke sind unvermeidlich? Einem Profi der Müllverbrennung ringt man keinen Satz über Ressourceneffizienz ab: „Wäre es nicht Plastik, läge hier eben mehr Papier.“

Wie genau der Müll auf elf Prozent seines Volumens reduziert wird, was Bacher gern wiederholt, sehen Besucher der Spittelau nur auf Skizzen. Verbrennungsrost, Feuerraum, Kessel und Turbine sind abgeschirmt. Eine Sicherheitsmaßnahme, nachdem 2010 ein Tankleck in der Simmeringer Müllverbrennungsanlage eine Explosion verursachte. Zu Schaden kam niemand, dabei soll es bleiben. Aber vorstellen kann man sich den Ursprung des heißen Wassers, das nur hoher Druck flüssig hält – in Rohren mit bis zu 80 Zentimetern Durchmesser, neben denen man unter dem Gürtel spazieren könnte.

Das Wasser in den Rohren kommt dabei nie direkt mit dem Wasserkreislauf in der Spittelau in Berührung, weil das Wasser darin zur Schonung der Anlage spezialbehandelt wird – und nicht nach außen gelangen sollte. An drei Kondensatoren gibt mittels heißer Rauchgase erzeugter Dampf seine Wärme an jenes Wasser weiter, das die Anlage unterirdisch in Richtung Haushalte und vor allem zum Großabnehmer AKH verlässt.

 

Kein Müll aus dem Ausland

Dass Wien im Winter unterirdisch heiß bleibt, ist auch ein logistischer Aufwand: Damit der Verbrennungsprozess aufrechtbleibt, muss laufend Brennstoff nachkommen, müssen zusätzliche Kessel angefeuert werden. Besonders vor langen Wochenenden muss daher genug Müll für die großzügig dimensionierte Anlage ankommen – Müllimporte aus dem Ausland sind dabei laut rot-grünem Regierungsprogramm „ausgeschlossen“.

Was vom Wiener Müll bleibt, wenn ihn die Wärme verlassen hat? 250 kg je Tonne Abfall entstehen an Rückständen und Asche, mit denen die Stadt dann zum Teil nichts mehr zu tun haben will – ein geringer Teil wird in Endlager nach Deutschland abtransportiert.

Zur Person

Markus Bacher
ist der stellvertretende Werksleiter der Wiener Müllverbrennungsanlage Spittelau. Die Anlage verarbeitet 250.000 Tonnen Abfall im Jahr. Sie wurde zwischen 1969 und 1971 erbaut und nach einem Großbrand 1987 vom Künstler Friedensreich Hundertwasser umgestaltet. [Mirjam Reither]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2012)

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